Wie ich mit der Angst leben lernte

Wie ich mich gerne sehe: Abenteuerlustig. Furchtlos. Ich stelle mich den kühnsten Herausforderungen.

Die Realität:
Ich bin oft ein Schisshase. Mache mir zu viele Gedanken, die mich dann auch aktiv hindern, die Abenteuer, die ich mir innerlich erträume, tatsächlich zu erleben.

Das beginnt bereits dabei, wenn ich auf jemanden zugehen sollte, den ich nicht kenne. Horror.

Diese innere Angst und stetige Sorge erlebt ihren traurigen Höhepunkt im Umgang mit meinen Kindern. Wie gerne wäre ich die coole Mum, die locker flockig drauf ist und ihnen die Welt zutraut.

Aber in Wahrheit verschwende ich Zeit vor dem Einschlafen mit überlegen, was es wohl mit den Beinschmerzen meines Kindes alles auf sich haben könnte. Selbstverständlich stoppt meine Vorstellungskraft nicht automatisch bei simplen Wachstumsschmerzen. Danke, oh du blühende Fantasie.

Als wir vor Jahren mit Freunden in den Skiferien weilten, mussten meine (meiner Meinung nach) noch zu kleinen Kinder zu zweit, also ohne Erwachsene Begleitung, einen 2-er-Sessellift benutzen. Ich hatte einen hübschen kleinen Moment der Panik, in dem ich meine Kleinen vor dem inneren Auge runterfallen sah. Oder mit der Jacke am Lift verheddern. Oder den Absprung am Ende verpassen.

Innerlich schwitzte ich Blut und Wasser. Äusserlich versuchte ich cool zu bleiben. Gelang offensichtlich mässig bis gar nicht.

Jedenfalls spiegelte mich unser Freund unverblümt, dass meine Kinder das prima könnten: Wenn ich ihnen denn nicht konstant meine Angst überstülpen würde. Autsch. Nix furchtlos.

Meine Kinder meisterten den Sessellift mit Bravour. Mehr noch: Sie hatten richtig Spass dabei. Und wiederholten das Vorgehen noch einige Male. Genossen die Freiheit. Fühlten sich gestärkt, dass ihnen etwas zugetraut wurde. Und das Beste: Sie fielen am Abend müde ins Bett.

Logo, meine Sorge war nicht ganz unbegründet. Es hätte ja sehr wohl etwas passieren können. Einige Jahre später verpasste tatsächlich eines unserer K’s den Sesselliftaufgang und stürzte einen kleinen Abhang hinunter.

Angst kann schliesslich auch ein guter Schutzmechanismus sein.

Trotzdem tue ich gut daran, meine Angst und Sorge jeweils in die richtige Relation zu setzen. Dazu gehört für mich anzuerkennen: Ja, meinen Kindern kann etwas Schlimmes zustossen. Dafür müssen sie sich nicht einmal aus ihrem Zimmer heraus bewegen (wir waren bereits zweimal wegen sogenannten «Haushaltsunfällen» auf dem Notfall).

Aber: Es MUSS ihnen nichts Schlimmes zustossen. Und wenn denn etwas passiert, kümmern wir uns dann darum, wenn es soweit ist.

Es dient niemanden, wenn ich jetzt schon alle Eventualitäten und Worst Case Szenarios durchdenke, meine Energie für alle «was, wenn’s» aufwende und damit eine Angst vor der Angst entwickle. Die mich dann in meinem tatsächlichen Alltag, der mit so viel Freudigem bestückt ist, daran hindert loszulassen und zu geniessen.

Auch wenn meine Angst aus Liebe entsteht, kann sie am Ende des Tages nicht nur Gutes bewirken.

Mit der steigenden Anzahl von eigenen Kindern wurde ich unsanft zum Pragmatismus gezwungen. Und zwar einfach, weil mir konstant mindestens zwei Augen und sechs Hände für die totale Kontrolle fehlen. So vieles geschieht nun, ohne dass ich es mitbekomme. Und das ist wahrscheinlich ganz gut so.

Letzte Woche lief ich zum Beispiel in die Küche und stiess mit einem Berg von aufeinandergetürmten Stühlen zusammen. K4 wollte sich offensichtlich Süsses ergattern (und hat noch nicht gepeilt, dass man Spuren im Anschluss verwischen sollte).

Auch wenn ich sie bei diesem Manöver nicht gesehen habe, verriet mir die Anordnung der Stühle, dass es nicht ganz ungefährlich gewesen sein kann.

Ich MUSS nicht alles wissen. Meine Kinder dürfen sich frei entwickeln. Sie dürfen Dinge ausprobieren. Ja, sie dürfen dabei sogar scheitern, sich die Knie wund schlagen und es nochmals probieren. Meine Kinder werden selbstständiger. Haben eine natürliche Neugierde und ein ziemlich gutes Gespür dafür, was sie können und was nicht.

Einer meiner grössten Wünsche für meine Kinder ist, dass sie Resilienz entwickeln.

Denn vor Unglück bewahren, kann ich sie nur bedingt. Aber ich kann sie darauf vorbereiten, wie man mit schwierigen Umständen umgeht. Ich kann für sie da sein, wenn es im Leben nicht läuft. Und ich kann ihnen vorleben, das Leben zu geniessen. Im Jetzt zu sein. Sich Herausforderungen zu stellen und etwas zu wagen.

Ich bin da selbst noch am Lernen. Werde es wohl immer sein. Aber ich bin dankbar, dass mich meine Rasselbande immer wieder neu dazu zwingt, meine Ängste und Sorgen abzulegen. Das bewährteste Mittel hierfür ist Vertrauen.

Bild: Nadia Sitova

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