Ein gutes Leben.

«Ich möchte an möglichst vielen Tagen ein gutes Leben haben.»

Tabea Reusser bei Kleinstadt

Das Leben. Solange man atmet, hat man es. Vieles geschieht uns einfach. Einiges können wir beeinflussen.

Seit sechs Jahren bin ich auch Familie. Mit jedem weiteren Kind, nahmen meine ursprünglichen Möglichkeiten, wie ich mich selber verwirklichen könnte, ab. Erst füllten sich nur einige Stunden. Dann plötzlich Nächte und Tage. Jetzt, mit vier Kindern, fühlt sich mein Leben randvoll an.

Platz für mich?

Gefühlt nicht mehr viel. Überall, wo ich hingehe, hinsehe sind Bedürfnisse anderer. Zeit, meine eigenen Bedürfnisse zu spüren, ist kaum vorhanden. Und wenn, dann bin ich häufig zu müde dafür.

Es ist, als hätte ich vor sechs Jahren die Herdplatte angemacht. Auf der eine Sauce köchelt, langsam, stetig. An Flüssigkeit verliert und an Essenz gewinnt. Vieles fällt weg. Verdampft. Einiges schmerzt. Das Fehlen anderer Dinge bemerkt man gar nicht.

Übrig bleibt die Essenz.

Mein Leben ist nicht weniger, nur weil ich weniger machen kann. Weil ich zurückgebunden bin durch Umstände und Entscheidungen, so zu leben, wie ich es tue. Mein Leben ist intensiver geworden. Ich mag das. Ich will das. Ich will Essenz, will mich auf Wesentliches konzentrieren. Will auskosten. Will, dass das Leben was hergibt.

Ich bin ein Mensch, der Essenzielles mag.

Essenz kostet. Alles, was nicht essenziell ist. Und das ist vieles. Viel Verzicht. Und es gibt Menschen, die damit schlecht umgehen können. Mit Verzicht. Denn Verzicht schmerzt.

Zumindest so lange, wie man sich darauf konzentriert. Entscheidet man sich, den Verzicht anzunehmen, befreit das ungemein. Es öffnet einem die Augen für das, was ist.

Und was ist, ist immer viel. Weil man es hat. Weil es einem gehört.

Ich möchte an möglichst vielen Tagen ein gutes Leben haben. Eines, das mir gefällt. In dem ich mich wohl fühle. Ich möchte geniessen, was ist. Sehen, was gut ist. Ich möchte das Glück im Grossen wie im Kleinen finden. Den Verzicht und die Trauer annehmen. Aber nicht einverleiben.

Als Mama hat man so viel im Kopf. So viel Lärm, so viele Pflichten, der unerbittliche Alltag, die ausufernde Fürsorge, die Bedürftigkeiten, die Sehnsucht nach Liebe und Gesehen werden. Jedes «Mama» manchmal eines zu viel. Jeder Staub, der herumliegt, eine Anklage. Die Nerven verlieren, ein Verrat an sich selbst. So hatte man sich das nicht vorgestellt. Jede Minute Freizeit ist erkämpft. Und nie garantiert. Alles ist in der Schwebe. Nur einmal durchatmen dürfen.

Im Moment ankommen.

Da ist so viel Gutes.

Vielleicht nicht das, was man sich erwünscht hat. Nicht das, was man gerade brauchte. Nicht das, von dem man glaubte, es zu erstreben.

Das Herz frei machen hilft. Zumindest mir.

Ich möchte kein Gepäck. Kein Übergewicht an Vorstellungen und Wünschen, die mich daran hindern, im Moment das Gute zu sehen. Und zu geniessen. Das Glück zu finden.

Das Leben ist kurz. Auch wenn der Alltag Nächte durch macht. Das Leben ist kurz. Und ich möchte an möglichst vielen Tagen ein gutes Leben haben.

Bild: Vanessa Käser

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