Alles etwas ausgeleiert

Dieser Text wurde erstmals hier publiziert

Ich gehe jetzt Kaffee trinken. Alleine. Aber das ist wichtig.

Bin krank. Saudoofes Irgendwas mit Schmerzen und einhergehender Stimmlosigkeit (ausser das Kind macht was wirklich Dummes).

Scrolle gerade durch Instagram und frage mich, warum ich nicht mehr mache? Warum ich beruflich nicht aktiver bin? Nicht täglich ein instagram-taugliches Outfit trage, mit dem ich dann in die Stadt fahre und dort Kaffee to go trinke mit wichtigen Menschen und Gespräche führe, die die Welt verändern, mir zumindest das Gefühl geben, dass sie es tun?

Ich habe das Gefühl, das zu wollen. Aber fast lieber möchte ich ins Bett. Finde es auch ziemlich anstrengend, wichtig zu sein und Worte zu wechseln über gemeinhin als wichtig akzeptierte Belange. Eigentlich bin ich ganz gern da, wo ich bin. Führe wichtige Gespräche mit mir wichtigen Menschen. Die meiner Seele gut tun.
Bloss manchmal ist mir das zu wenig.
Dann will ich mich schön anziehen.
Und nichts passt in das Bild, das ich von mir haben will.
Am allerwenigsten die Schuhe.

Woran ich mich früher anstandslos gehalten habe, scheitere ich heute bereits im Ansatz. Das zu tun, was ich von mir erwarte.
Es ist dem gewichen, was mein Leben lebbar macht.

Die Prioritätenliste hat sich einmal umgedreht und dabei sind Dinge runtergefallen, die ich noch auffangen wollte, aber nicht konnte. Weil meine Hände bereits voll waren mit Dingen, die getan werden mussten und die ich ironischerweise mehr als alles andere halten wollte.
Und jetzt stehe ich da. Die Hände und den Kopf voll mit diesen Dingen, die ich halten will und halten muss, will Dinge, die nicht müssen, aber mit denen ich mich gerne schmücken würde, weil gerade jetzt ich mich schmucklos fühle.

Es wirkt so abgetragen, mein Leben. Ausgeleiert. Ein wenig wie der Bauch, dessen Haut nicht mehr ganz passt. So anders als die Kleider von vor den Kindern, die nach wie vor straff und adrett im Schrank auf mich warten. Für die ich noch ein Kilo abnehmen müsste, was ich nicht schaffe, weil ich es nicht will, weil ich es nicht kann. Nicht jetzt. Später vielleicht. Was total okay ist, aber irgendwie auch nicht.

Ich habe sogar ein Kleid gefunden. Von damals. Welches auch mit einem Kilo mehr sitzt. Schuhe, die zu allem passen, also auch zu dem Kleid. Ich fühlte mich ein wenig wie früher. Aber anders. Voller. Unbeschwert und glücklich jedenfalls. Schön.

Doch dann sah ich das Bild. Wie ich da stand. In dem Kleid, das darauf nicht so fiel, wie es sich anfühlte. Einer Mimik, die ich an mir nicht mag und wie mein Leben jetzt gerade wirkte auch der Anblick meiner selbst auf diesem Foto auf mich: Dissonant.

Bin das wirklich ich?
Gehört das wirklich zu mir?
Fragte ich mich, frage ich mich und tippe dabei leicht an die Prioritätenliste, die gefährlich schaukelt. Dinge purzeln durcheinander und seufzend schubse ich ein paar davon runter.

Eins davon der Wunsch, ich möge was anderes sein als ich gerade bin oder etwas anderes tun als ich gerade tue.

Ein kleiner Realitätsabgleich damit, dass ‚the place to be‘ nicht in der Stadt ist, sondern in dem wunderbaren Haus mit den wunderbaren Kindern, von denen eins gerade jetzt in den Garten pinkelt und dabei über seine eigene Dreistigkeit lacht.

Sitze da in Jeans und Basic-T-Shirt. Weniger straff als früher, aber auch weniger streng. Nicht weniger ambitioniert, aber weniger ungeduldig.

Denke, dass sich nur ausgeleiert anfühlen kann was mal voll war.

Mit einer Stimme, die nicht ist. Mit so viel Wichtigem, das ist. Mich zeitweise überwältigt. Zeitweise erfüllt, ausfüllt und überhaupt erst glücklich macht. Mit Menschen auf Insta, die vielleicht glücklicher sind, wahrscheinlich aber nicht.

Ich trinke meinen Kaffee.
Alleine. Und barfuss.

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