Coronik: Ausgelaugt, nicht erschöpft

Letztes Jahr um dieselbe Zeit war Weihnachten näher. Roch es nach Weihnachtsguetzli. Spielte Weihnachtsmusik. Stand und hing Weihnachtsdeko im ganzen Haus.

Irgendwie schien der Advent präsenter. Schien die Vorfreude grösser. Der Elan vorhanden.

Womöglich ist diese Erinnerung etwas verklärt.
Sehr wahrscheinlich sogar.

Trotzdem fühle ich mich dieses Jahr im Dezember vor allem etwas:
Ausgelaugt.

Ich bin nicht erschöpft. Ich bin ausgelaugt.

Ausgewaschen, ausgehöhlt, leer.

Ja, es war ein Jahr grosser und zerschlagener Hoffnung auf Normalität. Es war das Jahr nach dem ersten, in dem man die Moral doch bereits über Monate hochgehalten hatte.

Und dieses Moralhochhalten ging in die Verlängerung.
Die Verlängerung schaffte mich.

Ich schaffe es nicht mehr.

Der Wunsch, unter eine Decke zu schlüpfen und dort zu bleiben und die Welt zu verpassen, ist riesig. Jeder, der an dieser Decke zerrt, nervt mich zutiefst.

Ich will in einer solchen Zeit mit so grossen Fragen ohne Antworten. Mit so grossen Differenzen, so viel Unklarheit, so viel Ungewissem. Ich will einfach weg.

Erst recht nicht Verantwortung übernehmen. Schon gar nicht für kleine Menschen. Ich möchte nur nichts tun. Nichts.

Nichts!

Ich bin enttäuscht. Mehr, als mir lieb ist und mehr, als ich erwartet hätte.

Dass hier auf diesem Planeten ganz viel nicht so läuft, wie es sollte, weiss ich schon länger. Die Hilflosigkeit, die das mit sich bringt, fühle ich nicht erst seit gestern. Und doch fühlt sie sich heute so gross an wie noch nie.

Denn da ist gerade nichts mehr, was ich ihr entgegenhalten kann.

Der Glaube an das Gute. Die Hoffnung, das Gute möge sein und bleiben. Manchmal berühren sie mich noch mit Fingerspitzen. Doch vielmehr ist da Unglaube. Unglaube über Umstände. Dazu gesellt sich die Hoffnungslosigkeit und fragt permanent penetrant, was das eigentlich soll?

Ja, was soll das?

Dieser Dezember, der mich schafft, wie kaum ein Monat vor ihm. Der mir meine Unzulänglichkeiten unter die Nase hält, weil ich keine adäquaten Adventskalender besorge oder zu spät. Weil ich die Weihnachtsdekoration im Schrank statt auf dem Fenstersims platziert habe. Weil die Lichterkette verwickelt auf dem Wohnzimmerboden liegt, statt draussen hell und hoffnungsvoll Weihnachten anzukünden. Weil ich es nicht schaffe, einen klaren Gedanken zu fassen, mir die Tage durch die Finger rinnen und jedes Adventskaldendertörchen mich nicht auf Weihnachten freuen lässt, sondern stresst, weil der Countdown läuft und ich immer noch schockstarr still stehe, unfähig, mich zu bewegen.

Weil ich jedesmal innerlich und zuweilen auch äusserlich ausraste, wenn jemand an meiner Decke zieht; die eh viel zu klein ist und unter der ich friere, weil mir innendrin kalt ist.

Weinend sitze ich am Tisch.

Entschuldige mich bei meinen Kindern dafür, dass ich nicht die Mutter bin, die ich ihnen sein möchte. Dass ich doch so viel mehr Geduld mit ihnen haben möchte, weil sie mir so wichtig und wertvoll sind. Dass ich dermassen enttäuscht bin von mir.

Weil ich ihnen, den Menschen, die mir die wichtigsten sind, nichts mehr geben kann als Grundversorgung und die garstigste Version von mir als Mutter.

Es tut mir so leid.

Worauf die Kinder allesamt aufstehen und mich umarmen. Mich eindecken mit Liebe, die ich nicht verdient habe, weil ich so gar nichts geben kann von dem, was ich möchte.

Weil ich ausgelaugt bin. Genau wie sie selber auch.
Doch da stehen sie. Mit mir, um mich.

Und ihre Liebe ist das Licht. Welches die Leere in mir drin hell macht.
Ihre Umarmung füllt mich.
Ihre bedingungslose Liebe, die sie mir ohne Zögern entgegen bringen, macht mich traurig und glücklich zugleich.

Ich bin nach wie vor unter der Decke. Ich bin nach wie vor genervt von jedem, der daran zerrt und zieht.

Aber was mich begleitet, ist dieses Bild der Kinderarme um mich und über mich.

Die Bereitschaft, mir ihr Wohlwollen zu zeigen – ohne Angst, ohne Groll, ohne Bedingung. Mit so viel Nachsicht und Barmherzigkeit.

Inmitten meiner Unfähigkeit, Glaube und Hoffnung hoch zu halten. Ist da die Liebe.

Die nicht mit Fingerspitzen, sondern mit einer geballten Ladung Umarmung steht und eben nicht fällt.
Die den Glauben an mich und die Hoffnung an das Gute in mir hochhält.
Die den Glauben und die Hoffnung hochhält.

Ein bisschen wie Licht, das die Dunkelheit stets verdrängt.
Ein bisschen wie Balsam, das meine Seele ein wenig heiler macht.
Ein bisschen – wie Weihnachten.

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5 Kommentare zu “Coronik: Ausgelaugt, nicht erschöpft

  1. ich han träne in de auge!!und obwohl i di nid jenn, möchti di eifach drugge und sage dasses irgendwenn guet wird. guet wärde MUESS! au fü mi seeleheil…

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