Coronik I: Marianne und die Mobilmachung

Er ahnte es – hatte es kurz zuvor erwähnt – aber ich hatte nicht damit gerechnet. Und keine einzige Sekunde mehr daran gedacht. Vor lauter Stress in einer absolut ungewohnter Lage und ständig neuen amtlichen Informationen war das wie weggeweht. Und schliesslich war er gerade dreissig geworden und hatte alle seine obligatorischen Dienstage hinter sich.

Dann der Schock!

Kurz vor dem Mittagessen am letzten Donnerstag vibrierte mein Smartphone. Darauf ein Foto mit dem Marschbefehl. Einrücken am nächsten Tag um zehn Uhr. Mein Sohn! Der hübsche, rothaarige, der so ein süsses Knuddelkind gewesen war. Er hatte den Alarm in dem Moment erhalten, als er mit seinem Chef zusammen sass, um über Kurzarbeit zu reden.

Ich gehöre nicht zu den Leuten, die rasch weinen. Wenn mich etwas trifft, dann befällt mich meistens eine Art Schockstarre und ich ziehe ich mich zurück. Oder aber ich werde, was erfreulicherweise nur sehr selten passiert, unglaublich wütend.

Jetzt aber bin ich in Tränen ausgebrochen, so unerwartet hat mich diese Nachricht getroffen. Ja, ich konnte nicht aufhören zu weinen.

Denn etwas, das wir nur aus den Erzählungen von Eltern und Grosseltern kennen, ist wie ein Gespenst aus der Vergangenheit aufgetaucht.

Mobilmachung!

Es war, wie wenn eine kalte Hand nach meinen Herzen greifen würde. Unsäglicher Kummer machte sich bei mir breit. Angst und Sorge überfielen mich augenblicklich, und ich konnte im Moment diesen Emotionen rein gar nichts entgegenhalten.

Tage zuvor hatte ein Bekannter gesagt, es sei doch kein Krieg. Er verstehe nicht, warum diese Klopapier-Hamsterei, warum alle Angst davor hätten, den Hintern mit den Waschlappen sauber machen oder abduschen zu müssen. Panik sei voll fehl am Platz. Es verleite einen bloss dazu, das komplett Falsche zu tun, womöglich auf Kosten anderer. Und es gebe Schlimmeres als einen dreckigen Po.

Damit hatte er Recht:

Klopapier hamstern ist lächerlich.

Ich bin der lebende Beweis. Ich bin ohne Klopapier gross geworden. Und sehe mit sechzig trotzdem immer noch ganz gut aus und auch mein Hintern ist noch ziemlich ansehnlich. Wenn wir auf dem Feld und im Wald arbeiteten, dann gab es Moos, Heu, Gras, trockenes Laub. Daheim auf dem zugigen Plumsklo die Brattig*, den Schweizer Bauern, den Unter-Emmentaler, oder das gelbe Heft. Die alten und zerlesenen Zeitschriften, die vorher in der Grossfamilie von ungewaschener Hand zu ungewaschener Hand gegangen waren, zerschnitt oder zerriss man in arschgerechte Fötzeli und wischte sich damit ab. Die Spuren von Druckerschwärze fanden sich auf der Unterwäsche wieder und keinen störte es.

Wir sind so unglaublich verwöhnt, wir haben so einen extrem hohen Lebensstandard, dass allein der Gedanke, ohne Klopapier auskommen zu müssen, bereits bei vielen eine psychische Fehlhandlung auslöst.

Wir alle hatten noch keine wirklich harten Zeiten. Von uns wurden bisher kaum Opfer und Verzicht abverlangt. Wir können alles, meinen alles zu wissen, erlauben uns alles und kriegen sofort alles, was wir uns wünschen. Und wir haben vor nichts und niemanden mehr Respekt.

Leute, mir ist es scheissegal, ob ich mit oder ohne Papier kacken muss. Ich habe nur den einen Gedanken: Ich will meinen Sohn gesund zurück haben.

Denn darin hatte der Bekannte nicht recht. Es IST Krieg. Unser Feind ist ein klitzekleines, absolut unsichtbares, tödliches Lebewesen. Es agiert weltweit und wo es auftaucht, hinterlässt es Spuren des Todes. Man kann es weder orten, noch gibt es eine Waffe, die es besiegen könnte.

So sehen wir uns das erste Mal als weltweite Gesellschaft mit Grenzen konfrontiert. Wir, die wir zum Mond flogen, beeindruckende und weltverändernde technische Erfindungen machten. Alles in der Annahme, dass der Globus uns grenzenlos zur Verfügung zu stehen hat.

Und nun dieser Tritt auf die Bremse, der alles aus den Fugen geraten lässt und unser ganzes Sein umkrempelt.

Wie viele andere Mütter muss ich meinen Sohn gehen lassen. Mütter müssen ständig loslassen. Aber dieses Mal war es anders. Die Lage ist ernst, darüber konnte auch das Foto, das ihn stehend und fröhlich auf einem Armeefahrzeug zeigt, nicht hinwegtäuschen.

Die nächste Nachricht war die, dass er mich und seine Schwester als Notfallkontakt angegeben habe. Und ob er mir die Wäsche zum Waschen schicken dürfe?

Wäsche SCHICKEN? Wisst ihr, was das heisst?
Kein Urlaub.
Dass der Einsatz sehr lange dauern und anstrengend sein wird. Dass er an der Front ist. Dass wir, die wir so gerne zusammen Kaffee trinken, uns vorläufig nicht mehr sehen werden. Dass wir nicht wissen, wie es ausgehen wird.

Er ist noch kurz vorbeigekommen, um sich zu verabschieden. Ich habe mich zusammengerissen.

Ich biss auf die Zähne und drückte ihn.

Es ist mir furchtbar schwer gefallen, nicht wieder in Tränen auszubrechen. Dafür weine ich jetzt. Einmal mehr. Weil das Leben unberechenbar ist. Weil man nichts im Griff hat. Weil es das einfach mit mir macht.

 

*Ein Jahreskalender, der sehr beliebt war. Eine Brattig enthielt astrologische Prophezeiungen zu Naturereignissen, zum Wetter, zur Fruchtbarkeit im Verlauf eines Jahres. Diesen Prophezeiungen sagte man «Praktik», woraus das spätere «Brattig» enstanden ist und zum Namensgeber für den gesamten Jahreskalender wurde. (Quelle: SRF) Bild: Alexander Andrews Unsplash

 

Teilen mit

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.