Alleinerziehend. Auch in der Nacht.

Schlaf ist bei Eltern rar. Und doch, wenn einer an seine Grenzen kommt, ist ein anderer da, der einspringen kann. Die Nächte lassen sich womöglich aufteilen. Egal, wie schwierig alles ist, man ist zu zweit. Doch was, wenn die Nächte schlecht sind, der Partner jedoch nicht mehr unter demselben Dach wohnt? Gastautorin Claudia ist alleinerziehende Mama von zwei Kindern. Sie schreibt über den Bruch der Beziehung und wie der ihr Verhältnis zur Nacht und zum Schlafen verändert hat. 

Gastautorin Claudia

Ich bin Claudia, knappe 38 Jahre alt, Mama von zwei Kindern (5 und 8 Jahre alt). Ich wohne mit meinen Kindern in Bern, arbeite in einer Institution für beeinträchtigte Menschen und leite da das Kunstatelier. Nebenbei studiere ich Kunsttherapie und bin ursprünglich gelernte Grafikerin.

Vier bis fünf Stunden. So viel Schlaf hatte ich über die Nacht verteilt in den ersten zwei Lebensjahren von meiner Tochter. Bereits unser erstes Kind war kein guter Schläfer. Doch das zweite toppte alles. In guten Nächten kam sie viermal, in schlechten zehnmal.

Der konstante Schlafmangel hat mein Wesen verändert. Ich war dünnhäutig, genervt, motzig, launisch und einfach saumüde und erschöpft.

Als die Nächte endlich besser wurden, verliess mich der Papa der Kinder.

Wie ironisch irgendwie. Nach so vielen energieraubenden Nächten, in meinem schwächsten Zustand, in dem ich mich nicht wie mich selbst fühlte, ging er. Und ich dachte nur: Das schaffe ich nicht. Ich kann das nicht.
Und ja, auch die Nächte waren in meinen Gedanken mit dabei.

Ich funktionierte auf Automodus, versuchte nicht unterzugehen; versuchte, meine Gefühle tagsüber in den Griff zu bekommen und war nachts so erschöpft von den Emotionen, dass ich schlief oder weinte.
Ich versuchte es zu verstehen, sah auch die Schwierigkeiten, aber nachvollziehen konnte ich es damals nicht. Es kam so plötzlich für mich, unerwartet, obwohl wir schon länger im Krisenmodus waren.

Noch vier Monate wohnten wir unter einem Dach, bis wir einzelne Wohnungen im selben Quartier fanden. Vier Monate, in denen noch jemand da war, der in der Nacht aufstand. Da war und einspringen konnte, wenn etwas war.
Das war okay so, konnte man lassen.

Dann kam der Umzug. Und damit die Fragen: Wie wird das? Schaffe ich das? Was mache ich, wenn in der Nacht etwas passiert?

Viele Ängste schlichen sich bei mir ein. Ängste, die mich bis heute begleiten und von aussen manchmal nicht nachvollziehbar sind.

Manchmal spreche ich mit meinem Ex-Mann darüber. Er versteht mich nicht, er ist da ganz anders und entspannter. Doch ganz ehrlich: Er hat die Kinder acht Nächte pro Monat bei sich. Maximal. Und ich die restlichen.

Wie wird das? Schaffe ich das? Was mache ich, wenn in der Nacht etwas passiert?

Die Nacht ist für mich nicht mehr nur Entspannung, sie ist auch Anspannung. Sie ist dunkel, sie ist lang, sie ist einsam. Obwohl in den Zimmern neben meinem zwei Kinder liegen und schlafen.

Die Nacht macht etwas mit mir. Geht in die Tiefe. Eine Zeit lang war sie mein grösster Feind. Wenn sie einbrach, wurde ich ein Tiger. Ging pausenlos umher, war angespannt, ruhelos. Hörte auf alle Geräusche von den Kindern, das Herz pochte.

Im ersten Jahr nach der Trennung war mein Grosser ständig krank. Ich vermute, seine Gefühle machten sich so Platz, denn er ist ein sehr sensibler Junge, überlegt sich sehr viel, spricht aber wenig darüber. Sein Zustand machte mich noch hellhöriger, noch angespannter.

Überhaupt war dieser erste Winter als Alleinerziehende schlimm.

Ich war dauermüde, dauergestresst, traurig, dauerbesorgt, die Trennung machte mir zu schaffen. Die Kleine war knapp 2,5 Jahre alt und schlief nicht durch. Der Grosse häufig krank. Ich selber emotional ausgelaugt und erschöpft.

In den Nächten, in denen ein Kind stark krank war, schlief mein Ex-Mann bei uns auf dem Sofa und wir wechselten uns ab. Anders ging es nicht mehr. Das machen wir heute noch so. Nach jenem Winter blieb die Angst vor dem folgenden Winter.

Das alles klingt jetzt sehr dramatisch, wenn ich das so schreibe. So negativ. Und gleichzeitig ist es einfach die Wahrheit. Heute geht es mir viel besser, sogar gut. Ich bin in diesem Leben zu dritt angekommen. Bin alleine mit den Kindern sehr glücklich.

Auch wenn ich unsere Trennung zuweilen bedauere und unserer Familie hinterhertrauere. Den Erinnerungen, habe ich sie verarbeiten können. Ich bin viel mehr bei mir, habe meine Ruhe entdeckt und mich vor allem persönlich weiterentwickelt. Ich habe meinen Fokus, meine Kinder, mein Studium. Das Ankommen in diesem Sein tut unwahrscheinlich gut. Es ist wahr, aus jeder Krise kommt man stärker raus, entwickelt sich weiter. Manchmal geben Dinge einen Sinn, den wir erst später erfahren.

Wurde es irgendwann einfacher?
Ja, das wurde es, wird es.
Gewöhnt man sich daran? Nein, noch nicht.

Die Nacht ist immer noch nicht mein bester Freund und ich bin nie tiefenentspannt, wenn die Kinder da sind. Der Mama-Sensor ist auf «ON» geschaltet, die Gedanken bei den Kindern. Aber es gibt auch sehr gute Nächte, in denen beide schlafen. Sogar ich. Mit Unterbrüchen, die mir selber zuzuschreiben sind. Weil ich aufwache, meine Gedanken sich drehen und ich lange brauche, bis ich wieder Schlaf finde.

Es gibt auch Nächte, da wandere ich von einem Zimmer in das andere und wenn ich dann wieder in meinem Bett liege, warte ich manchmal zwei Stunden auf den Schlaf oder muss noch einmal aufstehen, weil ein Kind ruft oder an der Tür steht.

Gerade der Wechsel von Mama zu Papa und zurück war für die Kinder schwierig. Das wurde auch am Schlafverhalten sichtbar. Vor allem bei der Kleinen. Nach einem Papawochenende wachte sie in der Nacht häufig auf. Suchte meine Nähe, Sicherheit.

Wenn sie dann eine Ferienwoche bei Papa verbrachte, war es danach häufig ganz schlimm. Sie war unruhig und es brauchte Zeit, bis sie wieder Sicherheit empfand. Ich habe dann begonnen, sie einfach wieder mit in mein Bett zu nehmen, damit sie meine Nähe spürte und schnell wieder einschlief – und vor allem ich wieder einschlafen konnte.

Ich habe mich irgendwie damit arrangiert, daran gewöhnt, so gut es geht. Ich bin happy, wenn ich meine sechs Stunden Schlaf geschafft habe und bin überglücklich, wenn ich auf acht Stunden komme.

Wenn ich arg müde bin, dann lege ich mich am Mittag hin, schliesse für ein paar Minuten die Augen und lasse die Kinder um mich herum spielen. Sie haben sich gut daran gewöhnt. Wissen, dass ich da bin und lassen mich oft ein paar Minuten alleine ausruhen. Eine Wohltat im Alltag. Danach bin ich wieder präsenter und mit mehr Nerven unterwegs.

Alle zwei Wochenenden sind die Kinder bei ihrem Papa. Da freue ich mich am meisten auf mein Bett. Auf den Schlaf. Auf das Netflix schauen, auch mal bis nach 23 Uhr. Ohne denken zu müssen: «Jetzt musst du ins Bett, sonst wird’s morgen hart.» Oder: «Hoffentlich wird die Nacht gut.»

Ich freue mich vor allem auch auf das Liegenbleiben am Morgen. Einfach liegen, nicht aufstehen, entspannen.

In den letzten Wochen habe ich sogar einmal acht Stunden am Stück einfach durchgeschlafen. Seit zehn Jahren zum ersten Mal. Mein Kopf war so klar, so frisch, so präsent. Meine Füsse trugen mich leicht durch den Tag.

Es wird also besser, so hoffe ich fest. Die Kinder werden älter, ich gewöhne mich immer mehr an die Situation, wachse hinein, finde Frieden mit unserem Alltag zu dritt.
Ich weiss, da draussen gibt es ganz viele Mütter und Väter, denen es ähnlich geht. Ob in Beziehung oder alleine. Doch ich weiss, wie hilfreich es ist, wenn man in einer Beziehung ist und einander in der Nacht entlasten kann.

Für mich selber habe ich entdeckt, dass Schlaf nicht der Fokus von meinem Leben sein darf. Sondern dass ich mich auf die guten Dinge konzentrieren und dankbar sein will für das, was ich habe. Auch wenn ich zwischendurch so müde bin, dass ich fast aus den Schuhen kippe, meine Kinder und deren Umarmungen möchte ich niemals missen. Nicht für keine noch so schlechte Nacht. Denn nach jeder Nacht kommt ein Morgen.

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