Keine Zeit für mich! Alleinerziehend während des Lockdowns

«Lockdown in extremis» – In dieser Serie erzählen drei Menschen, wie sie die Lockdown-Zeit erlebt haben. Was die drei gemeinsam haben: Sie sind anders als ‘normale Durchschnittseltern’ von Corona und den daraus resultierenden Massnahmen betroffen. Den Anfang macht Anita. Alleinerziehende Mama von zwei Teenies. Wenn die Wohnung zum Pulverfass und der Alleingang zum Marathon wird.

Anita, alleinerziehende Mama von zwei Teenagern. Neu auch deren ergotherapeutische Begleiterin so wie Homeschool-Assistentin und 24-7-Housekeeperin.

Ich würde ja gerne einen neuen Yogastil lernen oder mein Spanisch verbessern oder endlich die Stickerei so hinkriegen, wie ich es mir vorstelle. Oder neue Kuchen kreieren oder die Wand streichen oder noch so viele andere Dinge. Aber ich hab keine Zeit dafür.

Was – wie kann das sein? Wir sind doch im entschleunigten Modus, runtergefahren und zuhause einquartiert.

Weil ich das Ding hier alleine schaffen muss, ganz einfach. Das machen Alleinerziehende immer, jeden Tag. Aber in Corona-Zeiten nochmal eine ganz andere Liga.

Am Anfang war es noch ganz lustig. Wir haben Kistenhüpfen als Sportübung gemacht, gemalt und Spiele gespielt. Und das, obwohl ich Gesellschaftsspiele hasse. Ich bin übrigens immer noch der Meinung, «Wakanda» müsste bei Stadt-Land-Fluss als Land mit W zählen. Egal.

So oder so. #stayathome wurde je länger je unlustiger. 1 + 0.75 + 0.75 Erwachsene. In einer Wohnung, die vor Jahren für eine Erwachsene und zwei Kinder toll war. Jetzt ist sie viel zu klein.

Dazu kam, dass das jüngere Kind nicht mehr zu seinem Vater ins Besuchswochenende durfte, dieser hatte Angst vor einer Ansteckung. Selbst wenn ich das unproblematisch fand, ändern konnte ich das Social Distancing zum eigenen Kind nicht. Was bedeutete: Keine Verschnaufpause mehr für mich.

Und da ist noch meine Arbeit. Pünktlich zur Krise habe ich einen neuen Job angetreten, Kommunikation im Gesundheitswesen. Was für ein Timing.

So ist meine Einarbeitung zugleich ein Praxis-CAS in Krisenkommunikation.

Aber wenigstens kann ich arbeiten und meine Familie ernähren. Halbzeit Büro extern, Halbzeit Home Office. Wobei Home Office schwierig ist.

Denn Homeschooling war auch noch angesagt.

Vor den Frühlingsferien kriegten wir nur Beschäftigungsideen. Ich habe meinen Sohn machen lassen. Er hatte bis zu den Ferien sieben Bücher gelesen, Tierdokumentationen geschaut, mit mir Englisch gesprochen, über seine erste Liebesbeziehung philosophiert und wir waren Fahrrad fahren. Das ist genug Stoff.

Er wird nicht verblöden, bloss weil ich ihn einige Wochen nicht in das schulische Korsett quäle.

Nach den Ferien ging der Online-Unterricht los. Dazu muss man wissen, dass meine Kinder für Teenager erstaunlich analog sind. Sohn hat mit bald 14 keinen eigenen Laptop oder ein Tablet. Brauchte er bisher nicht. Konnte ich mir auch nicht nicht leisten.

Fürs Fernlernen war das Gerät aber die Grundlage. Schlussendlich konnte er ein schuleigenes Tablet für diese Zeit ausleihen. Grosse Tochter (mit Laptop) musste fliessend auf Online-Unterricht der Berufsschule umstellen. Obwohl sie sich mit dem Gerät und einigen Programmen immer noch schwer tut, hat sie das hervorragend gemeistert.
So froh, klappte das Homeschooling ganz gut – grosse Kinder brauchen zwar Platz in der Wohnung, aber weniger Teaching.

Trotzdem. Die Tage waren gefüllt bis an den Rand und darüber. Vier Monate mussten wir auf einen Platz in der Ergotherapie für den Sohn warten. Dann, mitten in der Isolation, ist dieser Platz zu haben. Ergotherapie per Video. Ein denkbar blöder Einstieg, denn das Kind hat, basierend auf ADS, Schwierigkeiten mit Neuem und Unbekanntem. Wie wenn es davon aktuell nicht schon genug gäbe. Einmal mehr begleite ich mein Kind also. Sitze daneben, während die Therapie läuft.

Als nächstes hatte die Tochter eine Nierenbeckenentzündung. An einem Feiertag. Wir durften in den Notfall. Am Eingang stand ein riesiger Wachmann. Keine Begleitpersonen erlaubt. Meine Tochter ist über 18 Jahre alt. Kurz überlegte ich mir, ob ich ihn einfach überwältigen soll, mit meinen 1,55m Körpergrösse kein Problem.

Das Löwenmutterherz probte schon den Aufstand, doch ich kam gerade noch zur Vernunft und liess sie alleine gehen. Ein echt schweres Übungsstück in Loslassen.

Ganz alleine bin ich nicht, da gibt es einen wundervollen Partner. Der wohnt aber nicht hier und konnte deshalb nur bedingt unterstützen. Er hörte sich meine Sorgen per Telefon oder Whatsapp an.

Denn mir geht es in diesem Chaos psychisch nicht gut.

Es ist mir bewusst, dass eigentlich alles läuft und wir gesund sind. Es ist nur unglaublich anstrengend. Meine Präsenz ist immer gefragt, dauernd, auf so vielen Ebenen. Ebenso der Druck der Verantwortung.

Vor Jahren führte genau das in die Erschöpfungsdepression. Gehöre ich damit nun auch zur Risikogruppe betreffend Corona? Ausgeknockt durch Lagerkoller?

Denn wichtige Mechanismen, durch die ich die Depression in Schach halte wie beispielsweise Ausflüge, waren nicht möglich. Mir fehlten essentielle Bestandteile meiner psychischen Gesundheit. Die Sorgen hielten mich nachts wach, was dem Energiehaushalt nicht zuträglich ist. Und die Ängste die eigenen Eltern betreffend, die wirklich zur Risikogruppe gehören, aber in einem anderen Land leben und die ich im Ernstfall nicht mal besuchen könnte. Die sind hier noch nicht mal eingerechnet.

Ich bin also vollauf damit beschäftigt, Job und Familie am Laufen und die überstrapazierte Wohnung bewohnbar zu halten, meinen Verpflichtungen nachzukommen, Teenagersorgen zu tragen und mich dauernd davon abzuhalten, zu viel zu essen.

Ich trage und halte weiterhin alles. Alleine.

Doch wir sind gesund und das ist viel wert. Ebenso Familie und Freunde. Und es gab schon andere schwere Zeiten. Die anstrengend waren, mir viel abverlangt haben. An einige kann ich mich rückblickend kaum erinnern.

Entsprechend muss ich daran gewachsen sein, wenn sie mich heute nicht mehr belasten. So werden wir auch diese Wochen überstehen.

Oder bringt mir Corona gar ein Geschenk? Verlängerte Kindheit meiner Teenies durch verordnete Häuslichkeit. Mir werden noch ein paar Filmabende, Familienessen und Gespräche mehr zugestanden. Die will ich unbedingt geniessen.

Diesen Gedanken nehme ich mit. Trage ihn bei mir, wenn die Last schwer wird. Diese Art des positiven Denkens hilft mir mehr als jeder Yogastil und nährt mich mehr als jeder Kuchen.

 

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