Blinde Mama. Wie ist das?

Die blinde Mama Edith Sidler mit ihren zwei Kindern

Autorin Edith Sidler

Zwei Prozent Sehleistung, aber über 100 Prozent Antrieb, doch so viel möglich zu machen, wie’s geht. Die gelernte Personalfachfrau ist Mama von zwei Jungs, hat Mann, Haus und Garten und schreibt über ihren Alltag als Mama mit Sehbehinderung. Und der Herausforderung, nicht alles genauso machen wollen, wie wenn sie sehen würden. Aber auch nicht einfach den Kopf in den Sand zu stecken, sondern immer wieder das Glück im Unperfekten zu finden.

Ich bin blind. Zumindest fast. Zwei Prozent Sehleistung. Bei unaufhaltsam abnehmendem Augenlicht. Etwas, was ich mir gewohnt bin. Denn seit meiner Kindheit sehe ich beim Öffnen der Augen nur schemenhaft. Inzwischen kaum mehr Schatten.

Mein Leben ist beeinträchtigt – im Vergleich. Die Mehrheit aller Menschen macht das, was ich mache, sehend. Das vergesse ich häufig.

Erst wenn ich schneller arbeiten will, als es mein Augenlicht zulässt, merke ich: Es gibt sie, die Grenzen, die mit fehlender Sicht einhergehen.

Kuchen aus dem Backofen nehmen, aber: Wo habe ich die Backhandschuhe hingelegt?
Den Kindern Regenkleidung anziehen: Wo sind die nur verstaut?
«Kriege ich noch ein Brot mit Erdbeermarmelade?» Welches der Gläser wär das denn? Ich weiss nicht, ob wir noch welche haben.

Ich bin Mama. Habe zwei Kinder (4, 6). Für die bin ich die Mehrzahl der Tage alleine zuständig. Zudem mache ich den Haushalt. Nicht so schnell wie vielleicht andere. Aber ich schaffe es.

Dass ich blind bin, daran habe ich mich gewöhnt. Das ging nicht von heute auf morgen.

Und egal, wie lange ich bereits damit lebe, noch immer hadere ich manchmal. Zum Beispiel, wenn mal wieder ein Kindergeburtstag ansteht und mir das Backen einer Motto-Torte unmöglich ist. Das von den Jungs gewünschte Fleisch sich im Gefrierfach einfach nicht finden lässt, ich dem Besuch die Jacke nicht abnehmen und aufhängen kann. Ich im Glauben bin, alles sauber aufgeräumt gehabt zu haben, aber mein Mann doch noch Krümmel auf dem Boden findet.

Gerade als ich schwanger war, als die Kinder frisch auf der Welt waren, fiel meine Beeinträchtigung nochmals ins Gewicht.

Sowieso schon unsicher, so neu und unbedarft in diesem Job, in dieser Berufung als Mama. Da merkte ich häufig, wie ich gerade auch durch mein Blindsein an Grenzen stiess. Ich war oft müde vom immer-alles-gut-machen-Wollen.

Ich wollte stillen können. Überall wie alle. Wie soll ich dies unauffällig tun?.
Ich wollte den Brei selbst machen. Hat es wirklich keine grossen Stücke mehr drin?
Auch das Spazierengehen mit Kinderwagen hatte ich mir einfacher vorgestellt und aus diesem Grund dann auf Tragetuch mit Blindenstock umgestellt.

Ich war so oft unsicher, habe häufig geweint, fühlte mich einsam.

Stets fühlte ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich Hilfe anderer annehmen musste, indem ich fragte «Kannst du auch ein Auge auf meine Jungs werfen?» wenn wir draussen spielten.

«Könntest du den Brei eingeben?» «Kannst du auch meinen Kids das ‚Schoggimuul‘ putzen?» (sieht doch aber immer sooo süss aus). «Kannst du mit den Jungs zur Toilette?« (ach, da waren die Windeln doch auch noch praktisch).

Stets bin ich darauf angewiesen, dass andere Verständnis haben für mich.

Ausserdem spüre ich förmlich, wie sich die Blicke an mich heften, wenn ich zum Beispiel mit meinen zwei Jungs einkaufen gehe.

In dem Moment, in dem die Leute realisieren: Die sieht ja gar nichts!, beginnen sie, mich zu beobachten. Wie macht sie das denn? Kann sie das überhaupt?

Die Fragen kommen von aussen und sie gehen in mein Herz. Denn welche Mutter fragt sich nicht: Kann ich das? Mache ich das gut genug?

Ich merke, dass ich es nicht ‚gut genug‘ mache, wenn ein Kind mit schmutzigem Shirt rumläuft und das kommentiert wird. Wenn mein Kind noch nie auf dem Eisfeld war, wir nicht viel Tennis oder Unihockey spielen oder auch wenn im Kindergarten bemerkt wird, dass mein Kind mit fünf Jahren die Farben noch nicht kennt.

Noch immer kommen diese Fragen. Aber ich habe inzwischen Antworten gefunden.

Meine Situation kann ich nicht ändern. Aber ich möchte jeden Tag dankbar annehmen. Ich habe gemerkt, dass meine teils hohen Erwartungen nicht nur negativ sind. Dass sie auch Ansporn sein können. Sie haben mich zu dem Glück gebracht, das ich geniessen darf.

Denn ich habe diese Fragen immer mit JA beantwortet. Ja, ich mache das gut genug. Ja, ich kann das oder ich werde das können.

Und natürlich habe ich diesen Anspruch verinnerlicht. Ich will es gut machen. Ich will es können. Kochen, Kuchenbacken, Kindergartenpost zuverlässig eintragen, keine Geburtstage vergessen und alles was sonst noch so wichtig oder unwichtig ist. Meine Messlatte ist nicht gerade niedrig. Und nicht selten lasse ich dabei aus, dass ich ein Handicap habe.

Was mich so häufig auf den Boden holt, sind meine Kinder. Wenn ich erlebe, dass es ihnen gut geht, sie glücklich sind.

Für sie spielt es keine Rolle, ob ich ihre Unordnung sehe oder nicht. Es interessiert mich aber auch nicht, ob ihr Mund noch mit Nutella verschmiert ist (erst beim Kindergarten-Tschüss-Küsschen bemerke ich es).

Sie wachsen in den besonderen Verhältnissen auf und kennen keine «andere Normalität», was sie in ihrem Sozialverhalten stärkt und sicherlich bereichert.

Es ist so toll, wenn meine Kinder oder jene meiner Freundinnen mir unkompliziert helfen: «Edith schau, hier ist das Glas, wart‘ ich führe dich» «Achtung, hier liegt ein Spielzeug», etwas, was meine Kinder bereits als Kleinkind gemacht haben.

Glückstränen rollen mir dann oft über die Wangen und ich freue mich einfach, dass ich ihnen im Zusammenleben mit mir solche tollen Werte weitergeben darf.

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Ein Kommentar zu “Blinde Mama. Wie ist das?

  1. Edithli ich bin so unglaublich stolz uf dich!!! Du bisch so ä starki und positivi Frau, da chönnti sich mängi ä Schibe abschnide 🙂 Immer fröhlich und ich dänke gern a euisi Zyt i dä Siemens zrugg!
    Blib wid bisch und hoffentli uf bald wider ämal!
    Knuddl Corinne

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