Zu früh geboren: Winziges Wunder.

Ich sehe sie immer noch vor mir. Diese weite, helle Tür, eine unmissverständliche Barriere. Die Scheibe aus milchigem Glas lässt einen nur erahnen, was dahinter vorgeht. Nur wenige haben hier Zutritt. Es ist der Zugang zur Neonatologie, wo die zu früh geborenen Kinder umsorgt werden. Auch unsere Tochter hat hier ihre ersten Wochen verbracht.

Hier wurde ihr das Leben gerettet.

Der Gedanke an diese Türe löst noch immer mulmige Gefühle in mir aus. Angst und Sorgen. Aber auch Hoffnung und viel Dankbarkeit. Viele Erinnerungen.

Die Schwangerschaft mit unserem dritten Kind war nicht einfach. Mehrfach lag ich wegen Blutungen im Spital. Beim ersten Mal wurde mir gesagt, zum gegenwärtigen Zeitpunkt könne man so oder so nichts tun. Also nach Hause gehen und abwarten. Ich war erst in der 24. Schwangerschaftswoche.

Ein Hämatom in der Gebärmutter bedrohte unser ungeborenes Kind. Einige Wochen später verlor ich plötzlich Fruchtwasser und wurde von meiner Frauenärztin ohne Umschweife ins Spital verfrachtet. Ich war wie benebelt, in Trance, und verstand nicht genau, weshalb ein Anästhesist und ein Neonatologe mich informierten, was auf mich zukommen könnte.

Es konnte doch nicht sein. Alles würde gut werden, da war ich mir sicher.

Aber von da an hiess es: Liegen, mich schonen, hoffen.

Den Tag mit Hörbüchern, Gesprächen oder Finkli stricken verbringen. Schreiben, lesen, essen. Meinen Mann und meine beiden Jungs zuhause vermissen. Ich wusste, sie kommen zurecht, nicht zuletzt dank der grossartigen Unterstützung aus der Familie und aus der Nachbarschaft. Jeden Tag wurde mir Blut abgenommen, der Blutdruck gemessen, der Bauch untersucht. Ich bekam ein Mittel, um die Lungenreifung des Babys voranzutreiben, Vitamine, Orangenblütentee.

Jeder Tag zählte, an dem mein Mädchen länger bei mir bleiben konnte.

Jeder Tag mehr war für ihre Entwicklung ausschlaggebend.

Doch nach einer Woche Bettruhe im Spital setzten Wehen ein.

Es war zwei Uhr Nachts, unser Baby wollte nicht mehr warten. Nur: Die Neonatologie war zu dem Zeitpunkt mit zwei Zwillingsgeburten voll ausgelastet. Die Hebamme konnte mit Wehenhemmern die Geburt verzögern und somit verhindern, dass ich mitten in der Nacht in ein anderes Spital verlegt werden musste. Bis heute bin ich ihr dafür dankbar.

Dann ging plötzlich alles sehr schnell. Um das Kind zu schützen, war ein Kaiserschnitt angezeigt: Blasenkatheter, Infusion, Anästhesie. Da lag ich, von der Hüfte abwärts betäubt, hinter einem grünen Tuch. Mir wurde schmerzlich bewusst, dass wir nun getrennt werden, mein Mädchen und ich.

Ich konnte sie nicht sehen, nicht berühren. Ich sah nur, wie Ärztinnen und Ärzte sie weg trugen, um sie zu versorgen. Ihr das Leben zu retten.

Die Hebamme fragte mich nach dem Namen für meine Tochter.

Dann war ich alleine. Ohne Baby. Mit einer schmerzenden Naht auf meinem Bauch. Dankbar für meine neugeborene Tochter und dass soweit alles gut gegangen war.

Traurig, dass ich sie nicht bei mir haben durfte.

Erst am nächsten Tag konnte ich unser Mädchen besuchen. Da lag sie. Zehn Wochen zu früh. Doch so perfekt. Ein winziges, wunderbares, einzigartiges kleines Menschlein. Ich war überrascht und überwältigt. Ich durfte meine Hand auf ihren winzigen Körper legen, mit ihr sprechen.

Sie lag in einem Inkubator, einem geschlossenen, durchsichtigen Kasten, mit einem perfekten Klima für ein zu früh geborenes Kind. Bekam durch eine winzige Maske Sauerstoff, hatte eine Sonde im Mund, war mit Kabeln am Monitor angeschlossen, der ihre Herzschläge und die Sauerstoffsättigung anzeigte und immer wieder piepte.

Ich besuchte sie jeden Tag, in der Zeit, indem meine Jungs anderweitig versorgt waren. Es war nie lange genug.

Aber ich war gleichzeitig froh, brachten mich meine beiden Buben zwischenzeitlich auf andere Gedanken. Es war eine unglaublich intensive Zeit, mit Bangen und Hoffen, Fortschritten und kleinen Rückschlägen. Eine Zeit, in der unser Mädchen lernen musste, selbständig zu atmen und selbständig zu trinken. In der ich jeden Tag abgepumpte Muttermilch ins Spital brachte. Eine Zeit, in der wir befürchten mussten, sie könnte einen Herzfehler haben.

Die Erleichterung war überwältigend, als wir sie nach acht langen Wochen gesund und kräftig endlich mit nach Hause nehmen durften. Ein Tag, den wir wie einen zweiten Geburtstag feiern.

Diese Tage wird unsere Tochter sechs Jahre alt.

Happy Birthday! Sandras Mädchen feiert den sechsten Geburtstag. | Bild: Sandra Kopp

Sie ist kerngesund, voller Tatendrang, humorvoll und verschmust. Wir hatten und haben grosses Glück. Jahr für Jahr denke an die intensive Zeit zurück und bin von Dankbarkeit erfüllt. Ich wünsche allen, die ihr Baby noch nicht nach Hause nehmen dürfen und hinter besagter Türe besuchen, viel Zuversicht und Durchhaltevermögen. Allen anderen natürlich auch.

Denn davon kann man nie genug haben.

Ich erzähle hier aus meiner Perspektive. Aber natürlich betrifft es unsere ganze Familie, allen voran auch meinen grossartigen Mann, der die ganze Zeit genauso mitgehofft und gebangt hat. Ich kann ihm für seinen unermüdlichen Einsatz für unsere Familie nicht dankbarer sein.

Bild: Kelly Sikkema Unsplash

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Ein Kommentar zu “Zu früh geboren: Winziges Wunder.

  1. Sehr treffend geschrieben. Auch unser Sohn kam 10 Wochen zu früh auf die Welt. Wir haben gebangt und gehofft. Jede Infektion hat uns aus der Bahn geworfen. Dank der grossartigen medizinischen Betreuung ist er heute aber ebenfalls kerngesund und wir äusserst dankbar.

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