Was macht Kinderhaben mit uns als Paar?

Wenn ein Paar Kinder kriegt, ändert sich vieles. Was macht das Kinderhaben mit uns als Paar? Nadines Rückblick auf acht Jahre Elternsein.

Wir sind Eltern. Mein Mann und ich.

Aktuell teilen wir uns in der ersten Hälfte der Nacht das Bett. In der anderen Hälfte zieht er aus, weil zu viele Kinder vorbeikommen.

Wir teilen uns den Wohnraum. Also aktuell eigentlich eher die Erhaltung dessen, was als Wohnraum genutzt wird. Sprich, wir versuchen, diesen Lebensraum sauber und ordentlich zu halten und arbeiten unsere Pflichten ab.

Wir teilen uns den Tisch. Der mit vier, fünf weiteren Personen (wir haben ein Au-pair-Mädchen) besetzt ist. Die allesamt (ausser dem Au-pair) in permanenter Hartnäckigkeit Tischmanieren ignorieren, Dezibel und Puls in die Höhe schnellen lassen.

Wir teilen alles, was zum Erhalt unseres Systems beiträgt. Geldbeschaffung. Essensbeschaffung. Sauberkeitsdepartement. Bearbeitung Briefpost. You name it.

Wir teilen das Elternsein, die Kinder, die Familie. Wir teilen die tiefsten Tiefen. Unsere schwierigsten Momente. Wir teilen aus, dass es zuweilen unschön ist. Stecken ein, auch das ist nicht schön.

Wir teilen uns die Grenzerfahrungen.

Manchmal stehen wir zusammen am Rand. Häufig einer von uns. Enttäuscht vom anderen, weil der den Rand nicht erkennt und gerade keine Zeit oder Kapazität hat, sich um den Randständigen zu kümmern.

Wir teilen mehr als je zuvor.

Das macht unsere Beziehung nicht einfacher. So viel Anteil und Anteile zu haben. Alleine und zusammen.

Doch in all dem drin.
Durch all die Höhen und Tiefen.
Wir sind zusammen.
Und wir lieben uns.

Die Anfänge des Kinderhabens

Mit der Geburt unseres ersten Kindes haben wir unser bisheriges Leben um ein gemeinsames Projekt erweitert. Dessen Ausmass wir erst nach und nach erahnen konnten – ursprünglich dachten wir ja, so ein Kind haben, das funktioniere genau so wie geplant und besprochen.

Was das Kinderhaben mit uns als Paar macht, haben wir erst nach und nach verstanden. Dass es etwas mit uns macht, war mir spätestens dann klar, als ich – mich im Wochenbett befindlich – blutend und mit wunden Brustwarzen, mich nach Ruhe sehnte. Und er, das Kind zwar nicht zur Welt gebracht, aber trotzdem frisch Elternteil, das Leben feiern wollte.

Die ersten Jahre waren geprägt von der Rollenfindung.
Wer bin ich als Mutter?
Wie sind wir als Eltern?
Wie ist unser Kind?
Was machen wir, wenn es krank ist?
Was machen wir überhaupt mit Kind?
Was können wir noch?
Was wollen wir eigentlich?

Viele dieser Fragen hatten wir zuvor bereits beantwortet. Doch nun, mit Kindern, waren die Antworten darauf anders und alles andere als einfach.

Einerseits mussten wir uns einig werden beim Finden der Antworten. Das Problem war, dass wir Dinge in unserem neuen Alltag zuweilen völlig anders wahrnahmen, werteten und wollten.

Andererseits lernten wir uns selber neu kennen.

Von manchen meiner Grenzen hatte ich zuvor nichts gewusst. Dass mich Dinge überforderten, die früher easy gewesen waren, war neu. Nicht nur für mich, sondern auch für ihn. Und umgekehrt.

Wir waren dieselben und trotzdem veränderte uns das Kinderhaben dahingehend, dass wir unser Sein präzisieren mussten.

Manches bis zum bitteren Ende durchgehen, durchdenken oder durchfühlen mussten. Damit wir loslassen, uns neu orientieren und verstehen konnten.

Häufig haben wir uns auf die Unterschiede konzentriert. Waren frustriert. Das Gefühl zu kurz zu kommen, war vorherrschend. Zumindest bei mir. Ich musste ja stillen, nicht er. Die Kinder wollten zu mir, nicht zu ihm.

Und damit neue Fragen, die nicht nur geklärt werden mussten, sondern ganz tief an mein Mutter-/Sein gingen: Warum wollen die Kinder nur zu mir? Mache ich etwas falsch? Oder umgekehrt: Macht er etwas falsch? Sollte er mehr oder anders?

Häufig habe ich gesehen, was ihm alles möglich ist. Und nicht, was er macht. Ich sah, was er nicht gemacht hat und natürlich, was er falsch gemacht hat.

All das frustrierte mich. Immer noch.

Wir leben in einem Pulverfass.

Wir haben beide zu wenig Schlaf.

Zu viel zu tun.

Unser Leben ist im Moment bis zum hintersten Winkel gefüllt. Platz für uns selber ist rar. Platz für uns als Paar ist rar.

Das Leben ist voll. Wegen der Kinder und dem, was sie an neuen Aufgaben und Beziehungen mit sich brachten. Wegen dem, was wir sind und sein wollen. Was sie sind und sein wollen.

Das macht unseren Alltag zur Zerreissprobe. Wir sind innerlich zerrissen zwischen all den Bedürfnissen, die wir haben, die die Kinder haben. Wie wir fühlen und sollten.

Konflikte lösen im stressigen Elternalltag

Es ist sauschwierig, Ruhe in dieses Leben zu bringen. Ruhe in unsere Beziehung. Wir hocken aufeinander im grössten Stress. Täglich.

Kommen aus einem stressigen Alltag in einen stressigen Feierabend. Müssen funktionieren. Im dümmsten Fall sind wir nicht nur gestresst vom Alltag, sondern auch noch gestresst voneinander.

Ausserdem tut es so gut, einen Schuldigen zu haben. Jemanden zu blamen für das eigene Unglück. Es tut so gut, Dampf abzulassen (zumindest mir).

Wenig ist frustrierender, als wenn’s einfach das Leben selbst ist (schlimmer, man selbst), das ‚Schuld‘ hat.

Den Kindern darf man diesen Frust nicht antun und wer bleibt, ist der Partner.

Und manchmal stimmt das ja sogar.

Dann ist man gestresst vom Alltag, vom Feierabend und kriegt obendrauf noch ehrliches, ungeschöntes Feedback zu Dingen, die man nicht gut macht.

Die Balance zu finden zwischen dem eigenen Bedürfnis, verstanden zu werden und dem Bedürfnis des anderen, aufgebaut zu werden, ist je nach Zustand nicht vorhanden. Das ständige Abwägen, was man dem anderen oder sich selber noch zumuten darf, ist ebenfalls stressig. Macht man ja schon nonstop bei den Kindern.

Einen Meilenstein in der Paarbeziehung setzen

Gefühlt haben wir jetzt, nach fast acht Jahren Elternsein, einen Meilenstein erreicht.

Wir sind angekommen.

Nicht wirklich, aber mehr als auch schon.

Wir haben uns ziemlich viel verziehen. Wir haben gelernt, einander stehenzulassen. Wir ver-stehen auch besser.

Und ich bin so dankbar, gibt es das Uns noch.
Haben wir beide nicht losgelassen.

Es ist so hart, mit sich selber konfrontiert zu werden.
Es ist so hart, den anderen in diesem grenzwertigen Zustand auszuhalten.
Es ist so hart, dass allem scheissegal ist, ob und wieviel man geschlafen hat. Ob man gerade Lust hatte, das zu tun, was anstand oder nicht. Ob man noch Kraft hat oder nicht. Man muss einfach.

Acht Jahre sind es jetzt. Erst der Anfang. Trotzdem möchte ich hier einen Meilenstein setzen. Wir haben acht Jahre mit zuletzt vier Kindern bislang geschafft. Wir lieben einander noch.

Noch immer leiden wir unter Schlafmangel, Kommunikationsmangel, Kapazitätsmangel. Uns mangelt vieles. Aber umgekehrt haben wir auch vieles. Viel mehr als je zuvor.

Wir haben Anteile an einem gemeinsamen Projekt, in dem im wahrsten Sinn des Wortes unser Herzblut drinsteckt. Ja, unser ganzes Leben.

Wir haben unsere Leben nicht nur kombiniert, indem wir ein Paar geworden sind. Mit dieser Kindersache haben wir uns verwoben. Auf immer und ewig. Und dieses Immer und Ewig hoffentlich zusammen.

Wir sind nicht nur Liebespaar, wir sind ein Team für ein gemeinsames, lebensfüllendes Projekt. Das macht uns krasser, als wir vorher waren. Wir sind es jeden Tag. In jeder Verfassung. In guter wie in schlechter. In guten wie in schlechten.

Der Mensch, mit dem ich Kinder habe

Und wo auf dieser ganzen Welt gibt es einen Menschen, der sich mich in diesem Extremzustand antun würde? Bleiben würde. Aushalten würde. Wo gibt es einen Menschen, der sich immer wieder für mich entscheidet? Immer wieder für das Uns entscheidet? Wo gibt es einen, der bereit ist, alles zu geben und dafür zuweilen nur einen Rüffel zu kriegen?

Weil er das ist.
Dieser Mensch.
Ist er, was er ist:
Der Vater meiner Kinder.
Der Mann an meiner Seite.

Wir schenken uns des Öfteren nichts.
Doch immer alles.

Wir leben in einer Fülle, die wir zuvor nicht kannten.
Es ist, als hätte jedes Kind mit seiner Ankunft unseren Radius erneut gesprengt. Und dieses In-die-Weite-, In-die-Höhe- und In-die-Tiefe-gehen-Können und -Müssen. Diese Möglichkeiten, Verbindlichkeiten und Verletzlichkeiten, die mit jedem Kind einhergehen. Fühlen sich manchmal an, als befände man sich in einem Strudel.

Die Welt und wir selber stehen Kopf. Und doch – das ist das Faszinierende – sind wir geerdeter als zuvor.

Wer so viel Neuland einnimmt, muss gegründet sein.
Die ersehnte Ruhe ist nicht in unserem Alltag.
Die Ruhe ist nicht in unserem Beziehungserleben.

Die Ruhe ist begründet in unserem Ja.
Ja, dass wir einander treu sein wollen.
Ja, dass wir füreinander sein wollen.
Ja, dass wir miteinander sein wollen.

Die Ruhe ist darin begründet, dass wir dieses Versprechen jeden Tag erneuern.
Bei jedem Streit, bei jeder Verletzung, bei jeder Grenzerfahrung.
Wird der Boden, auf dem wir gehen, fester.

Das ist, was das Kinderhaben mit uns macht.
Es festigt nicht nur unser Sein.
Es festigt unser Zusammensein.
Es macht unsere Beziehung reicher.
Und unsere gemeinsame Zukunft höchstwahrscheinlich um ein Vielfaches unterhaltsamer als sie eh schon wäre…

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2 Kommentare zu “Was macht Kinderhaben mit uns als Paar?

  1. wow was für ein ehrlicher, tiefsinniger irgendwie auch poetischer und vorallem ungeschönt wahrer Text!
    Öppe genau so ist es auch bei uns auch wenn ich es nie so prägnant ausdrücken könnte. ich fühlte mich sehr abgeholt beim Lesen und es tut so gut zu erkennen dass es glaub einfach normal ist und so auch ok ist . Danke!

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