Vollzeitvater. Vollzeit ausser Haus.

Dieser Beitrag ist Teil einer Serie über «Vaterrollen und Vollzeitväter»

In der modernen Papawelt ist er das, was der weisse, alte Mann bei der Generation Y: Der Boomer. Papa C. arbeitet Vollzeit, lebt die klassische Rollenteilung – doch anders als vielleicht früher, hört seine Arbeit beim Verlassen des Büros nicht auf. Vollzeit im Büro, Vollzeit als Vater. Grenzerfahrungen sind da vorprogrammiert.

Ich bin der Vater, der Vollzeit arbeitet. Ich habe keinen Papitag, der mir etwas Glanz verleiht. Ich habe keine zweistellige Prozentzahl bei der Anstellung, die darauf hindeutet, dass ich mich überdurchschnittlich für meine Familie engagiere. Doch was manchmal etwas vergessen wird:

Ich gebe 100%. In zwei Welten.

Aufgrund von unseren Interessen, Begabungen und Leidenschaften so wie dem wirtschaftlichen Denken, haben wir uns vor sechs Jahren dafür entschieden, dass ich mein Vollzeitpensum weiterführe. Aktuell arbeite ich als Vertriebsleiter und führe zwei Teams in der Energiewirtschaft.

Zuhause wartet ein weiteres Team auf mich. Frau und vier Kinder. Die Balance in meiner aktuellen Lebenslage zu finden, welche sehr diversifizierte Ansprüche stellt, war ein (schmerzhafter) Prozess.

Wie die meisten von uns startete ich das Projekt «Papa-Sein» mit viel Engagement, Tatendrang und dem Willen, es überdurchschnittlich gut zu machen.

Die Realität holte mich ein. Stück für Stück, aber unmissverständlich.

Nicht bezüglich der Verantwortungsverteilung. Eher, was diesen neuen Lebensabschnitt, das Leben mit Kindern, betrifft.

Ich erinnere mich an jenen Moment, als ich, kurz vor Feierabend, den PC im Büro herunterfahren wollte und ich mir zum ersten Mal überlegte, ob ich nicht noch eine Tätigkeit beginnen könnte, um meine Ankunft zuhause noch etwas hinauszuzögern. Denn ich wusste: Zu Hause würde pures Chaos herrschen, wenn nicht schon Anarchie.

Ich erschrak ob dem Gedanken. Wie komme ich bloss auf derartige Ideen? Bin ich ein Rabenvater?

Ich realisierte, dass es nicht an den Kindern lag, dass ich länger im Büro bleiben wollte.

Es war vielmehr dieses Nonstop-Engagement.

Die Erkenntnis, dass ich fix 7/24 in zwei Welten werde performen müssen. Und mich das sehr viel Energie kosten wird.

Auf der Arbeit trage ich Verantwortung und stehe vor diversen Herausforderungen. Wenn ich nach einem vollgepackten Arbeitstag nach Hause komme, kann ich nicht wie in patriarchalen Zeiten die Füsse hochlagern.

Ich bin auch Vollzeitvater. Und mein Engagement dauert zuweilen bis tief in die Nacht.

Zudem ist der Tagesabschnitt, den ich zuhause verbringe, nicht gerade der entspannteste… wer Eltern ist, weiss: Der Tagespeak erreicht um etwa 17.30 die Höchstwerte. Ungefähr die Uhrzeit, in der ich mein Zuhause betrete. Die Kinder sind müde, haben Hunger, müssen gebadet werden und wollen weder Zähneputzen noch Schlafen. Da können die Nerven schon mal blank liegen. Zumal da noch der Müllsack voll ist, der Boden im Esszimmer mit Krümel übersäät. Und der Stapel Rechnungen aufs Erledigen wartet.

Natürlich überlegte ich mir, ob es sinnvoll wäre, im Beruf einen Gang runterzuschalten. Gepaart mit der Frage, was denn ein aktiver, guter Vater sei. Ob es dafür einen Papitag braucht?

Emotional fühle ich mich als Ernährer.

Ein Gefühl, welches in mir ein starkes Pflichtbewusstsein auslöst. Die Pflicht dafür zu sorgen, dass meine Familie ein gutes Leben führen kann und es ihr materiell an nichts fehlt.

Rational kann ich es durchaus anders argumentieren. Meine Frau könnte Geld verdienen, die Ernährung wäre gesichert. Woher also kommt dieses Pflichtgefühl? Ist es begründet durch mein Elternhaus? Oder meine Peer-Group aus dem Studium, die «alle» steile Karrieren machen und neben denen ich mit einem Teilzeitpensum nicht abloosen will?
Ich weiss es nicht.

Dann gibt es noch die kritischen Kommentare: «Ist das wirklich nötig?» «Moderne Arbeitgeber gewähren ein Teilzeitpensum auch in Führungspositionen». «Die Kinder sollen mehr vom Vater haben als früher».

«Und deine Frau muss den Haushalt schmeissen, während du Karriere machst?».

Innerlich und emotional lösen solche Inputs gemischte Gefühle aus. Ich arbeite gerne. Leidenschaftlich. Engagiert. Zu arbeiten erfüllt mich. Was nicht heisst, dass ich nicht eben so gerne Zeit mit meiner Familie verbringe.

Unser Modell ist für unsere Verhältnisse sinnvoll. Es funktioniert für alle Beteiligten. Meine Frau arbeitet flexibel. Ich kann flexibel Überstunden für Papatage einsetzen. Wir reden viel über unsere Bedürfnisse, damit verbunden unsere Arbeitsteilung, unsere Beziehung, über Unzufriedenheiten und Unzulänglichkeiten. Über die Ansprüche, die wir an uns selbst, an einander und an unser Familienleben haben.

Der Prozess in den letzten sieben Jahren war geprägt von Höhen und Tiefen in beiden Welten.

Dabei habe ich zwei Dinge gelernt: Erstens ist es für mich wichtig, dass ich mir kleine Inseln schaffe.

In meinem Fall ist das Sport. Joggen, Skifahren und Kampfsport, so wie ab und zu auszugehen und bei fetten Hip-Hop Beats ein paar Gerstensäfte zu geniessen.

Zweitens, und das klingt jetzt pathetisch: Alles ist eine Phase. Phasen gehen vorbei und es kommt wieder was Neues. Das hilft mir, vieles gelassener zu nehmen.

Ich finde mich in meinem Alltag zwischen den beiden Welt mittlerweile gut zurecht. Schaffe es, das nötige Energielevel in dieser strengen Zeit zu halten. In und an den Tagespeaks nicht zu verzweifeln. Denn: Gesuchte Extraschichten auf der Arbeit lasse ich sein.

 

Weitere Beiträge zur Serie zum Thema Väter und Vereinbarkeit:

In der aktuellen Podcastfolge reden Evelyne und Janine zudem darüber, wie sie Vereinbarkeit in ihrem Alltag erleben – oder eben nicht.

Wer sich zudem für die ‘weibliche Seite’ der Vereinbarkeit interessiert, kann hier schmökern:

Bild: Nik MacMillan Unpslash

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