Vollzeitvater. Plötzlich Familienmanager.

Dieser Beitrag ist der letzte Teil einer Serie über «Vaterrollen und Vollzeitväter»

Vom Hauptverdiener zum Familienmanager. Marco Rota ist seit einem Jahr nicht mehr der Brötchenverdiener, sondern dafür zuständig, dass zuhause geputzt, die Wäsche gewaschen, das Essen auf dem Tisch und die Kinder geschniegelt sind. Parallel dazu versucht er, seinen Teilzeitjob als Radiojournalist und seinen Hobbyberuf als Autor unter einen Hut zu bringen – und der ist nicht gross genug für alles.

Umgebundene Schürze, Kochkelle in der Hand und immer ein Lächeln auf den Lippen. Daneben zwei Kinder, die friedlich miteinander spielen. So hat man sich früher vielleicht die perfekte Hausfrau vorgestellt.

Heute darf diese «Hausfrau» auch mal männlich sein. Ohne Schürze, dafür wild tippend auf dem Touchscreen der intelligenten Küchenmaschine und laut schimpfend, dass die beiden Jungs die Spielsachen doch miteinander teilen sollen. Zum zweihundertunddreissigsten Mal!

Richtig, ich spreche von mir. Meine Frau und ich haben im Mai letzten Jahres unsere Rollen getauscht.

Sie verdient jetzt das Geld, ich kümmere mich um Haus und Kinder. Zudem arbeite ich zweimal pro Woche als Radiojournalist im, ich nenne ihn liebevoll, «Brotjob».

Nebenbei schreibe ich Kinderbücher – der Rollentausch war auch dafür gedacht, mein Autorenleben voranzutreiben. Bücher schreiben, überarbeiten, Verlagssuche oder Lesungen planen, das lässt sich gut von Zuhause aus erledigen. Theoretisch. Doch die Anzahl geschriebener Wörter stagniert seit dem Rollentausch aber mehr oder weniger.

So ein Wechsel bringt neue Herausforderungen mit sich. Das bewährte System ändert sich plötzlich. Neue Regeln werden aufgestellt und Papa wird zur Ansprechperson Nummer 1. Kriegt plötzlich alle Fortschritte mit, die er dann aufgeregt mittels Bildern seiner Frau per Whatsapp schickt.

Gar nicht so einfach für meine Frau, sich plötzlich mit der Nummer 2 begnügen zu müssen.

Ich habe dafür meinen Papatag verloren.

Einfach in den Tag hineinleben, mit den Kids etwas unternehmen oder Stunden mit ihnen spielen. Klar, das geht immer noch. Aber häufig dominieren den gemeinsamen Alltag Dinge wie Kochen, Putzen, Aufräumen, Wickeln, Arztbesuche und andere Termine.

Irgendwie habe ich mir das einfacher vorgestellt.

Schnell musste ich lernen, mich zu organisieren, zu planen und Routinen zu entwickeln. Mittlerweile klappt das super – jedenfalls solange wir zu dritt sind. Kommt Mama nach Hause, destabilisiert das mein sorgsam erarbeitetes Familienmanagement. Das gehört ein bisschen dazu, keine Frage. Aber ich merke, wie mich kleine Dinge schneller aus der Ruhe bringen als früher.

Wenn der Eingangsbereich schon wieder mit Rucksäcken und Taschen übersät ist, obwohl ich am Nachmittag aufgeräumt habe.

Oder die Küche nach dem Abendessen wie ein Schlachtfeld aussieht.

Die habe ich doch vorhin geputzt. Obwohl Sohnemann 1 daneben quengelte und forderte, dass ich mit ihm spielen solle. Jetzt! Sofort!

Und im Fall: Das schmutzige Geschirr gehört eigentlich direkt in die Spülmaschine!

Okay, kurz durchatmen und nochmals rasch aufräumen.

Die Mama kümmert sich inzwischen um die Kids, so können sie ihre gemeinsame Zeit etwas geniessen. Ich habe Ruhe. Setze die schallabsorbierenden Kopfhörer auf, um noch rasch einige Zeilen zu schreiben.

Doch die Ruhe währt kurz. Nur wenige Minuten später steigt der Lärmpegel bedrohlich an. So viel Schall absorbiert nichtmal das teuerste Kopfhörer-Modell…

Ich sehe mich gezwungen, aktiv zu werden.

Die Spielsachen liegen nicht nur im Wohnzimmer verteilt, sondern auch im Bad, auf der Treppe und im Wickelzimmer und Mama erschöpft mittendrin.

Mein Blick fällt auf die Socke im Waschbecken. Ich könnte den Weg, den meine Familie in den letzten Minuten durchs Haus marschiert ist, problemlos nachkonstruieren. Eine fast alltägliche Schnitzeljagd.

Das zerrt an meinen Nerven.

Und manchmal artet das Ganze in einer Aufräumaktion aus, bei der auch ich den schallabsorbierenden Kopfhörer an die Grenzen bringe.

Zu viele solcher ‘kleinen Dinge’ sind Gift. Man kann nicht zu viel davon schlucken. Zumindest ich nicht.

Ich bin froh, dass meine Frau und ich gut darin sind, solche Sachen anzusprechen. Auch wenn man es im Alltag nicht immer gleich ändern kann, tut es gut, darüber zu reden.

Seit dem Wechsel vor gut einem halben Jahr, hat sich unsere Beziehung verändert.

Wir sprechen heute viel mehr über Unangenehmes als früher. Das ist nicht immer einfach, manchmal tut das auch weh. Im Endeffekt bereichert es unser Zusammenleben.

Ich bin gerne der Familienmanager.

Ich liebe es, im Familienleben anzupacken, zu organisieren, zuzuhören, zu unterstützen und das Leben mit den liebsten Leuten zu teilen. Eine unbezahlbare Bereicherung.

Trotzdem habe ich manchmal das Gefühl, niemandem wirklich gerecht zu werden. Dem Brotjob nicht, weil ich teilweise unausgeschlafen und deshalb nicht so aufnahmefähig erscheine, was besonders bei Frühschichten eine Herausforderung ist. Den Kindern nicht, weil ich manchmal «noch schnell» was im Home-Office erledigen muss und es dann doch länger dauert. Meiner Frau nicht, weil kleine Angelegenheiten, die unzufrieden machen, zuweilen dominieren. Meinem Autorenleben nicht, weil bei den Schreibzeiten häufig was dazwischen kommt, das wichtiger erscheint.

Der Spagat zwischen Beruf und Familie ist auch als Fast-Vollzeit-Papa nicht einfach.

Mir hilft, das Ganze immer wieder aus der Distanz zu betrachten und dann zu merken, dass es meistens gar nicht so schlimm ist, wie ich mir das einbilde.

 

Weitere Artikel im Rahmen der Vollzeitvater-Serie:

In der aktuellen Podcastfolge reden Evelyne und Janine zudem darüber, wie sie Vereinbarkeit in ihrem Alltag erleben – oder eben nicht.

Wer sich zudem für die ‘weibliche Seite’ der Vereinbarkeit interessiert, kann hier schmökern:

Bild: Christin Hume

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