Rahel, wie geht es dir?

«Wie geht es dir?» Was für eine Frage. Würde ich jedes Mal superehrlich darauf antworten, würden einige wohl sich am Kopf kratzen, diesen dann schütteln und sagen:

«Immer ist sie nur am Motzen!»

Ja, ich würde motzen. Heulen. Schreien. Reklamieren. Im Moment bin ich in einer teenagermässigen Null-Bock-Phase. Null Bock zu kochen. Null Bock Kinder zu unterhalten und Null Bock mit irgendjemanden zu sprechen. Schon gar nicht mit Fremden.

Aber wie gesagt, es ist nur eine Phase. Eine sehr akute.

Ich fühle mich im Moment einfach total unwohl – vor allem in meinem Körper. Ich habe mich ein wenig vernachlässigt. Doch kaum habe ich den Flow im Gym wieder gefunden: Zertifikatspflicht!

Himmelarsch!

Ich will nicht übers Impfen diskutieren, ich bin noch ungeimpft, weil ich persönliche Gründe habe – vorerst. Und jetzt kann ich nicht ins Gym. Nichts für meine Gesundheit, die physische und psychische machen. Der Homeworkout-Typ bin ich so gar nicht. Diese Fitness-Atmosphäre gibt mir erst den Kick.

Jäno. Körper ist dann somit weiterhin eine aufgeschobene Baustelle. Immerhin habe ich demnächst wieder einen Termin bei der Kosmetikerin, die mein Gesicht richtet (Halloooo Augenbrauenwildwucher und Damenbart) und einen bei der Coiffeuse. Die soll meine grauen, fahlen Haare wieder zum Leuchten bringen. Im wahrsten Sinn des Wortes. Termine, auf die ich mich unglaublich freue. Lichtblicke sozusagen. Oder auch die bevorstehende Hochzeit von meiner Freundin. Ein kinderloses Wochenende mit meinem Mann, mit Wein und Party.

Wenn ich an all das denke, geht es mir gut. Oder anders gesagt, freue ich mich.

Und trotzdem erwische ich mich immer mal wieder, wie ich mir vorstelle, wie es wohl wäre, frei zu sein. Frei von Kindern, von der Pandemie, von Verpflichtungen, einfach auf mich alleine gestellt – tun und lassen was ich will. Aber ich nehme an, das ist normal. Speziell in einer Null-Bock-Phase.

Jeder Teenie wünscht sich sicher 1 bis 9’999’999x pro Tag, dass er keine Eltern hätte, oder? So bin ich halt noch ein bisschen Teenie.

«Wie geht es dir?» Ich will ja nicht nur reklamieren und motzen – so ist EINE Antwort auf diese Frage unmöglich. Es gibt tausende Möglichkeiten.

Denn grundsätzlich geht es mir wirklich gut. Trotz diesen Gedanken bereue ich mein jetziges Leben überhaupt nicht. Ich habe zwei absolute Wunschkinder, die zwar unglaublich laut und unglaublich aktiv sind, aber auch unglaublich witzig und süss.

Ich habe einen Mann, der mich zum Lachen bringt und hinter mir und meinen Entscheidungen steht.

Ich habe Freunde, die mich durch alle Lebenslagen tragen.

Ich habe gesunde, fitte Eltern, die mir die Kids abnehmen.

Ich habe drei wunderbare, aufgestellte Brüder.

Ich habe einen Job, der mir wirklich Spass macht und mich weiterbringt.

Nein, ich will nicht nur motzen, denn ich bin sehr dankbar, für das, was ich habe. Seit der Pandemie weiss ich mein Leben noch mehr zu schätzen. Und das ist wohl der Schlüssel, um aus dieser Null-Bock-Phase wieder raus zu kommen. Dankbarkeit. Und das Wissen: Ich DARF schlechte Tage haben.

Ich darf motzen, reklamieren, heulen, schreien. Ich darf mich unwohl fühlen. Ich darf mal keinen Bock haben.

Solange diese negativen Gefühle weniger sind als die positiven Erlebnisse, ist das doch auch ganz gesund. Und normal. Und human. Und überhaupt.

Noch während ich diese Zeilen schreibe, stellt mir eine gute Freundin genau diese Frage per Whatsapp. «Hey, wie geht es dir?» Und ich werde ihr folgendes Schreiben:

«Die Kinder nerven im Moment unglaublich, ich bin müde und kann nicht ins Fitness, weil ich keinen 3G Empfang habe. Ich möchte am liebsten den ganzen Tag essen und mich verkriechen. Ich spüre ein Kratzen im Hals, aber ich habe keine Zeit krank zu werden. Aber sonst geht es mir gut. Vor allem weil ich Freunde, wie dich habe. Ich kann mich auskotzen und dann bringst du mich irgendwie zum Lachen, darum geht es mir gut. Danke dir dafür! Und wie geht es dir?»

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