Bei ihnen gibt es keine Freizeit: Gründerpaar Natacha und Alex Neumann

Diesen Beitrag haben wir in Kooperation mit Freche Freunde realisiert

Als «Natalex» bezeichnete der Mitarbeiter seine beiden Chefs, Natacha (38) und Alex (39) Neumann. Hui, eine Art Brangelinas der Babynahrungsbranche – schon einiges wurde über sie geschrieben. Etliche Interviews geführt über das Gründerpaar der Marke «Freche Freunde», deren Kinder- und Babyprodukte mit Kulleraugen für eine ‚frühe Freundschaft mit Obst und Gemüse‘ werben.

Natacha und Alex Neumann mit ihren drei Kindern Dylan, Maya und Amélie | Bilder: Freche Freunde

Sie seien dynamisch. Sie seien inspirierend. Gerade ihre Unternehmensführung laufe so anders als anderorts.

Das macht sowohl neugierig wie vorsichtig. Was für ein Paar sind Natalex? Wie muss man sein, um das zu schaffen, was die beiden in den letzten zehn Jahren geschafft haben? Ein Startup gründen, fast zeitgleich eine Familie und heute das Unternehmen «Erdbär GmbH» mit inzwischen mehr als 80 Mitarbeitenden führen – und das nach wie vor zusammen.

Unser Gespräch findet via Skype statt. Ins Bild guckt erst nur Teil eins von Natalex, Natacha. Alex käme gleich. Eine Minute später sitzt auch er auf dem Sofa und bald steht fest: Das Sofa, auf dem die beiden skypen, befindet sich nicht im Büro, sondern zuhause. Hinter der geschlossenen Türe die drei Kinder (9 und Zwillinge, 6). «Wir schauen mal, wie lange es geht.» Corona lässt grüssen.

Bereits durch den kleinen Ausschnitt auf dem Bildschirm ist der Drive spürbar, von dem andere bereits gesprochen haben. Unkompliziert, positiv und humorvoll – und trotzdem professionell und auf den Punkt.

Ein Gespräch mit dem Gründerpaar von «Freche Freunde» über ein Leben zwischen Arbeit und Familie und die Unmöglichkeit, das eine vom anderen zu trennen.

Nadine Chaignat: Natacha und Alex, 2012 – ihr seid erst grad aus einem gut bezahlten Job ausgestiegen und habt euch selbstständig gemacht, noch mitten in der Phase, in der man nicht weiss, ob das eigene Unternehmen durchstarten wird und man ausschliesslich arbeitet – da kündigt sich unerwartet ein Baby an.
Natacha Neumann: Unser Sohn kam in der Startup-Phase zur Welt. Einer Zeit, in der wir abends, nachts und das ganze Wochenende gearbeitet haben. Es war richtig anstrengend. Wir haben kaum geschlafen und uns nonstop um unsere beiden ‚Babys‘ gekümmert.

Das stelle ich mir wahnsinnig intensiv vor.
Natacha: Ich glaube, das funktioniert nur, wenn man den Job voller Leidenschaft macht. Wir waren und sind mit so viel Herzblut dabei. Daher war das in dem Moment mach- und schaffbar.

Was hat euch in dieser Kombi von Geschäfts- und Familiengründung geholfen?
Natacha: Dass wir das als Paar gegründet haben. Wir hatten beide Verständnis für das, was die Familie und was die Arbeit betraf.

Viele Frauen beschweren sich, dass der Mann nicht genug da ist, wenn die Kinder klein sind. Bei uns war das nie der Fall. Beide waren sowohl zuhause wie im Büro.

Das jeweilige Verständnis für den anderen hat ausgemacht, dass es gut funktioniert hat. Es gab Momente, in denen Alex gesagt hat: «Es tut mir leid, dass ich nicht da war für das Kind.» Und ich sagte: «Tut mir leid, war ich nicht da für das Meeting.» Wir geben unser Bestes. Wir machen es gemeinsam. Das hat die Beziehung gestärkt.

Alex Neumann: Es ist auch so wertvoll, dass man sich nach einem schlechten Tag beim anderen auskotzen kann und die Person hat den vollen Kontext und das Verständnis dafür. Zudem – wie Natacha schon sagte – ist so wichtig, dass wir Leidenschaft und Spass an der Arbeit haben. Wenn wir keinen Spass hätten und diesen Frust mit nach Hause nähmen, würde es anstrengend werden. Wir haben schlechte Tage, klar. Aber in der Summe deutlich mehr gute.

Was macht Spass an «Freche Freunde»?
Natacha: Dass wir Probleme lösen können. Mich beschäftigen Fragen wie «Wo helfen wir?» oder «Was brauchen Eltern?». Wir verkaufen viel mehr als nur Produkte. Gerade beim Essen gibt es so viele Unsicherheiten – hat das Kind genug gegessen? Isst es gesund genug?

Was ich als Mama gelernt habe: Je mehr man sich stresst, desto schwieriger ist es, das Richtige zu machen.

Kinder riechen den Stress. Als Unternehmer versuchen wir weiterzugeben: «Versuch, es gut zu machen. So gut wie möglich zu kochen. Und wenn dir das mal nicht gelingt oder es schnell gehen muss, nimm unsere Produkte, sie sind auch gesund.»

Alex: Mich begeistert das Weiterlernen. Wir experimentieren gerne, lernen so viel über Fehlerkultur. Wir haben eine ganze Kiste mit Dingen, die nicht geklappt haben. Und umgekehrt.

Nach der ersten Kinderüberraschung gab es vier Jahre später ja nochmals eine. Eure zweite Schwangerschaft waren Zwillinge.
Natacha: Stimmt, wir hatten in beiden Schwangerschaften eine Überraschung.

Wie war das für euch? Die Perspektive von ‚zwei Babys aufs Mal‘?
Natacha: Wir sind beide sehr sehr flexibel. Das ist etwas, was uns ausmacht. Wir haben in unterschiedlichen Ländern gelebt. Haben so bereits als Kinder lernen müssen, flexibel zu sein. Zudem gehen wir positiv an Dinge heran. Rückblickend würden wir nichts ändern. Es ist passiert, wie es sollte, und es ist schön.

Alex: Zudem nehmen wir uns gegenseitig Sachen ab. Gerade mit den Zwillingen haben wir trotzdem überraschend viel leisten können. Natürlich, der akute Schlafmangel hat gezehrt. Aber im Alltäglichen konnten wir alles gut bewältigen.

Natacha: Man vergisst auch…

Kinder und Firma sind aus den Babyjahren raus. Was nicht weniger Action bedeutet…

Jetzt seid ihr aus dem Gröbsten raus. Eure Kinder sind sechs beziehungsweise neun Jahre alt…
Alex: Wir sind einfach in einer anderen Phase. Man geht ja mit Kindern von einer Phase zur nächsten. Die erste Phase ist physischer, vor allem der Schlaf steht im Fokus. Und je älter sie sind, desto interessanter werden die Erziehungsthemen.

Natacha: Jetzt kommt der spannende Teil. Wir lernen so viel von den Kindern. Zwischen Elternsein und Leadership gibt es so viele Parallelen. Es geht darum, dass Menschen sich entfalten können, dass sie empowert werden. Als Eltern ist nicht deine Aufgabe zu sagen, was die Kinder machen müssen. Dasselbe gilt als Führungskraft. Ich bin da, um den Menschen Raum zu geben, sie zu motivieren, zu empowern. Man kann vielleicht eine Richtung vorgeben, den Rest macht der Mensch alleine. Das ist etwas, was ich umgekehrt aus der Arbeit fürs Elternsein mitgenommen habe:

Dass man als Eltern nicht auf das Kind hinunterschaut, sondern vielmehr auf Augenhöhe kommuniziert und diese Supportfunktion wahrnimmt. Wir können Kinder nicht in eine Richtung steuern, die für uns passt, wir können nur die Stärken stärken und die Schwächen abschwächen.

Ihr seid quasi nonstop Leaders?
Natacha: Nonstop parents! (lacht)

Ist das nicht anstrengend? Überall in dieser Verantwortung zu stehen?
Alex: Das läuft intuitiv. Sowohl zuhause wie im Geschäft haben wir ernste Themen, die eine gewisse Leichtigkeit brauchen. Eine Mischung zu haben aus Laisser-faire und gleichzeitig muss man Rahmenbedingungen vorgeben. Wir wollen das Beste für die Kinder, wir wollen das Beste für die Firma. Das Ziel ist eine Kombi aus Finalismus und Leichtigkeit. Dann ist das auch nicht anstrengend. Gäbe es nicht diese Leichtigkeit – selbst wenn es zwischendurch anstrengend ist – würden wir es ja nicht machen.

Nehmt ihr die Arbeit mit nach Hause?
Natacha: Ja, das ist aber o.k., das ist unser Leben. Unsere Kinder kommen ins Büro, genau wie wir zuhause auch spätabends über die Firma sprechen. Alles eins. Ein Leben.

Alex: Der Gründer von «DM» hat diesen anderen Blick auf das Ganze. Für ihn gibt es keine Arbeitszeit oder Freizeit, sondern nur Lebenszeit. Und die müsse man gut nutzen. Die strenge Trennung lässt die Arbeit als schlecht dastehen und die Freizeit als das Beste. Völlig klar, dass man da abschalten muss. Doch gerade jetzt während Corona, wenn man plötzlich flexibel sein muss, merkt man, dass es o.k. ist, wenn das eine in das andere übergeht. Aber natürlich finden unsere Kinder das total langweilig, wenn wir während des Essens über die Arbeit sprechen.

Natacha: Und trotz dieser Verschmelzung schaffen wir die Trennung.

Wir können intensiv über ein Arbeitsthema diskutieren und uns fünf Minuten später über das Abendessen austauschen.

Wenn wir bei einem Firmenthema streiten, ist das professionell. Gleich danach sprechen wir über etwas Schönes der Familie. Ich weiss nicht, wie wir das schaffen.

Alex: Vielleicht, indem wir Emotionalität aus dem Thema rausnehmen. Wenn man das hinkriegt, kann man leidenschaftlich dabei sein und Streit oder Meinungsverschiedenheiten haben. Aber es geht nicht darum, den anderen zu verletzen. Sondern den idealen Outcome zu haben. Keine Arbeit ist so wichtig, dass man persönlich werden sollte.

Natacha und Alex Neumann leben eine nicht strikte Rollenteilung, bei der sich vieles ‚einfach so ergibt‘.

Wie habt ihr das mit der Rollenteilung gehandhabt? Wie verteilt ihr die Verantwortung?
Natacha: Das ergab sich einfach, auch jetzt noch. Sehr oft starten wir die Woche und haben noch keinen konkreten Plan. Irgendwie funktioniert das. Wir sprechen uns anfangs der Woche ab, wer die Kinder abholt und schauen miteinander, wer wo was braucht.

Alex: Bei allem, was Haushalt und Kinder angeht, machen wir, wie es gerade geht und es balanciert sich überraschend gut aus. Dann macht man hie und da Kompromisse. Auch bei der Arbeit haben wir oft schon Rollen getauscht. Weil unsere Interessen sich geändert haben, die Kompetenzen. Oder um Projekten neue Impulse zu geben.

War denn euer Ziel schon immer, selbstständig zu sein?
Natacha: Wir haben uns an der Uni kennengelernt. Und bereits da fassten wir den Entschluss zur Selbstständigkeit. Wir fanden, unser eigenes Ding zu machen, das wäre super. Doch nach dem Abschluss starteten wir als Angestellte in der Corporate World. Erst Jahre später haben wir die Ideen von damals wieder hervorgeholt. Es war eigentlich Zufall. Plötzlich war die Idee da und wir haben zusammen entschieden, das zu machen.

Alex: Da waren so viele einzelne Puzzlestücke vorhanden, die erst beim Zurückschauen ein grosses Ganzes ergeben. Ich arbeitete in der Kinderernährung bei Nestlé, Natacha entwickelte sich in den Bereichen Grafik und Webdesign. Dann haben wir beschlossen: Lass uns das alles kombinieren.

Obwohl es nicht immer einfach war, seid ihr drangeblieben und habt eure Geschäftsidee weiterentwickelt. Warum habt ihr nie aufgegeben?
Alex: In den ersten Jahren halfen uns unsere Hartnäckigkeit, unser Ehrgeiz, die hohen Ansprüche und der Glaube an das, was wir machen. Es wäre definitiv schwieriger gewesen, hätten wir Vorschlaghammer verkauft.

Natacha: Die Reaktionen der Endverbraucher haben uns immer wieder ermutigt. Wenn jemand geschrieben hat: «Danke für eure Produkte, mein Kind isst endlich Brokkoli» oder «Ihr habt meine Reise gerettet», dann war das für uns die Bestätigung: Wir sind auf dem richtigen Weg, etwas positiv zu beeinflussen.

Für mich ist zentral, dass wir etwas zum Guten verändern.

Alex: Ich liebe Probleme im Sinne von: Ich liebe es, sie zu lösen. Als Selbstständiger kann ich das sehr dynamisch machen, anders, als wenn ich angestellt bin. Natürlich ist im Unternehmertum nicht alles rosig, da spürt man alles doppelt und dreifach.

Was macht Natacha als Mama und als Geschäftsfrau aus?
Alex: Ihr Humor. Und ein extrem strukturierter Ansatz kombiniert mit einem hohen Grad an Flexibilität und dem Wissen, wann was notwendig ist. Sie hat einen extrem hohen Anspruch an sich selbst und ans persönliche Wachstum. Für sich als Unternehmerin, aber auch als Mama und Frau.

Was macht Alex als Papa und als Geschäftsmann aus?
Natacha: Ob in Beruf oder als Vater: Ich bewundere, wie er immer komplett mit Kopf, Herz und Seele bei einer Sache ist. Ob mit den Kindern auf dem Boden Lego spielend oder bei einem Meeting. Er ist immer voll da. Mit Herz und Leidenschaft. Das sehe ich bei vielen Leuten nicht. Diese Haltung von Alex führt auch dazu, dass er sehr starke Beziehungen aufbaut.

Was sind die Dinge, von denen ihr findet, die habt ihr gut hingekriegt als Eltern?
Alex: Sicher die Basics. Liebe, Vertrauen und – wenn’s mal stressig zugeht, und das tut’s hier öfters – eine gewisse Leichtigkeit. Wir haben sehr fröhliche Kinder, vielleicht haben wir das einfach vererbt. Ich kann nicht sagen, welcher Aspekt unserer Erziehung das gefördert hat.

Natacha: Zudem haben wir einen Rhythmus. Frühstück und Abendessen essen wir immer als Familie. Nicht nur, weil Ernährung wichtig ist, sondern weil man als Familie zusammenkommt. Seit Corona haben wir auch viele gemeinsame Mittagessen. Das sind so Gewohnheiten, Dinge, die man immer wiederholt und die Sicherheit vermitteln.

Unsere Kinder haben viele Freiheiten, aber auch immer wieder diese Ankerpunkte.

Was ist euch als Eltern wichtig?
Alex: Wir haben früh angefangen, unseren Kindern alles zu erklären. Bereits, als der Grosse sechs, sieben Monate alt war, haben wir nicht einfach «Nein» gesagt, sondern unser «Nein» begründet. Kinder haben ein unglaubliches Gefühl dafür, ob man sie ernst nimmt. Indem man nicht einfach auf die eigene Meinung besteht, sondern sie erklärt, fühlen sie sich – auch wenn sie nicht mit uns einverstanden sind – ernst genommen. Da kann man auch wieder die Parallele machen zu unserer Firmenkultur. Transparente Kommunikation ist wichtig. Als Mitarbeitende kriegt man die Chance, die Logik hinter einer Entscheidung zu verstehen. Natürlich ist dieses Vorgehen anstrengender. Gerade auch als Eltern, weil man in dem Moment vielleicht sauer ist, weil die Kinder etwas kaputt gemacht haben. Aber es lohnt sich.

Natacha: Sich nicht zu viel zu stressen. Nicht versuchen, alles perfekt zu machen. Wichtig ist, dass die Liebe da ist, eine sichere Umgebung, die Familie. Aber alles andere ist sekundär. Es ist nicht schlimm, wenn nicht alles 100% perfekt ist. Hauptsache, die wichtigen Sachen sind da. Auch hier wieder die Haltung: Was ist die Essenz? Es sollte so gut sein, wie du kannst, aber ohne Anstrengung.

Wie kriegt man das hin?
Alex: Ein Teil Genetik, Prägung und eine Sammlung unserer Learnings aus dem Leben. Zum Beispiel: Prioritäten setzen. Wir sind keine Perfektionisten. Auch hier wieder der Vergleich mit der Firma: Da muss die Produktqualität 100% sein. Aber bei anderen Dingen reichen 70, 80%. Das ist im Leben auch so. Jeder kennt das. Man ist total gestresst und fragt sich drei Stunden später dann warum. Ohne philosophisch zu werden, aber genau solche Stressmomente reflektieren und feststellen: In 90% aller Fälle lohnt sich der Stress nicht. Womöglich lässt sich das etwas antrainieren.

Wenn das Kind erstmals Sand verschluckt, ruft man die Ambulanz, beim zweiten Mal wischt man ihm den Mund ab, beim dritten fragt man, ob es noch Hunger habe – diese sukzessive Entspannung.

Natacha: Wir haben ja eineiige Zwillinge. Sie haben die exakt gleichen Gene. Sie haben die exakt gleichen Voraussetzungen, dieselbe Erziehung, denselben Alltag, alles. Und trotzdem sind sie so unterschiedlich. Diese Unterschiedlichkeit bei ihnen wahrzunehmen und zu sehen, dass unser Einfluss als Eltern gar nicht so gross ist. Das habe ich erstmals bei diesem direkten Vergleich der Zwillinge gesehen. Der Mensch ist schon da. Wir können als Eltern viel kaputt machen, aber wir können limitiert lenken, in welche Richtung die Kinder gehen. Wir können den Kindern einfach Raum geben, sich zu entfalten. Das hat mir so geholfen, entspannt Mama zu sein.

 

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