Mein Kind ist anders.

Dieser Text ist Teil einer Serie über Mütter, die mit ihren Kindern nicht dieselben Wege gehen können wie Mütter von Kindern ohne Besonderheiten oder Einschränkungen. Wir haben, um die Kinder zu schützen, die Namen der Betroffenen weggelassen. Im folgenden Text wird die Andersartigkeit des Kindes nicht näher definiert, weil es um das Erleben der Mama geht.

 

Die Kurve des Normbereichs ist wie eine Umarmung, die einschliesst. Aber auch ausschliesst. Und diesmal – vielleicht das erste Mal in meinem Leben – bin ich draussen. Mehr als eine Standardabweichung weg von dem, was die Mehrzahl aller Menschen als normal betrachtet und als normal erlebt.

Meine Welt ist eine andere geworden, seit die Normkurve ihre Kante vor meinen Füssen zieht. Mein Sein in die Grundfeste erschüttert hat.

Ich habe mehr Fragen als Antworten.
Ich habe mehr Unsicherheit als Wissen.
Statt Gemeinsamkeiten finde ich häufig Einsamkeit.
Denn die meisten Menschen sind nicht da, wo wir sind.

Nicht in der Kurve zu sein, bedeutet, anders zu sein.
Nicht in der Kurve zu sein, nimmt die Leitplanken der Gesellschaft weg.
Freie Fahrt. Aber auch ein konstantes «off road» des Navis.

Ausserhalb des Normbereichs ist alles möglich und nichts mehr falsch.
Denn per se ist alles falsch. Alles anders. Nicht normal.

Freiheit.
Ich liebe sie.
In meinem Herzen habe ich sie lange herbeigesehnt. Und erst durch das Kind, welches statistischer Ausreisser ist, erhalten.

Denn ich war immer angepasst.
Nicht, um jemandem zu gefallen. Schlicht, weil Norm Sinn macht.
(Anderssein aber auch.)

Mein Kind ist anders. Reagiert anders. Kann mehr als andere, aber auch weniger als andere. Sein Anderssein werte ich nicht negativ. Ich mag anders. Im Grunde meines Herzchens bin ich das auch.

Doch da ist dieser Schmerz.

Weil die Andersartigkeit nicht freiwillig gewählt, sondern in die Wiege gelegt wurde.

Ich und wir sind gezwungenermassen eine andere Familie. Ich bin eine andere Mutter.

Was für andere Normalität ist, ist mir nur aus meinem früheren Leben bekannt.
Wo für andere Struktur und klare Sicht sind, ist für mich Nebel.
Meinen Weg als Mutter, auch als Selbst in diesem neuen Setting, unseren Weg als Familie, erahne ich mehr als ich ihn sehe. Es gibt niemanden, der ihn vorher gegangen ist.
Das verunsichert.
Das braucht Zeit.
Das braucht so viel Suchen und Finden.

«Wie geht es euch?», fragen die Leute.
Natürlich geht es uns gut. Es geht nicht schlecht.
Wir machen so viel Gutes aus den Umständen.
Meistens sehe ich das Schöne darin.
Aber es ist ein Kraftakt, anders zu sein.

Der Schmerz kommt, wenn ich vom Alltag anderer Kinder höre. Ich fühle ihn, wenn ich Bilder von Kindern und ihren wichtigen Lebensereignissen sehe. Wenn andere Lösungen haben, wo’s für uns keine gab.

Ich fühle ihn, wenn ich das Kind leiden sehe. Wenn unsere Familie ein riesiges Gefühlschaos ist. Wenn ich Termine absage, die mir wichtig wären. Wenn ich zuhause bin, während andere weg können. Wenn ich Grenzen ziehe, weil vor uns der Abgrund liegt. Nur für uns sichtbar.

Leben ausserhalb der Norm entsteht aus einem Spannungszustand, der
Leidensdruck zur Folge hatte. Worauf man Lösungen suchte und fand – aber der Spannungszustand, der bleibt. Er ändert nur seine Form.
Die Lage zuhause entspannt sich teilweise.
Die Lage in einem drin ist weiterhin angestrengt.

Leben mit anders funktionierendem Kind ist anstrengend.
Leben ohne vorgefertigte Lösungen ist anstrengend.
Leben ausserhalb der Norm ist anstrengend. Zumindest für mich.

Noch bevor ich wusste, dass wir nicht normal sind, habe ich mich entschieden.
Herausfordernde Umstände im Leben fordern immer eine Entscheidung. Entweder, ich würde mich daran zerfleischen oder daran wachsen.

Ich wählte Freude vor Schmerz.
Ich wähle sie immer wieder.

Darum sehe ich die Freiheit, die das Leben ausserhalb der statistischen Norm mit sich bringt. Wir sind Ausreisser. Sind so weit von der Masse entfernt, dass wir das, was wir machen, zu 100% nach unseren Voraussetzungen, unseren Kräften, unseren Interessen und Möglichkeiten ausrichten können. Die Schamgrenzen habe ich grösstenteils abgelegt. Soziale Verpflichtungen sind kein Muss mehr sondern Option. Wir haben alle Zeit der Welt.

Das Wissen, das ich mir aneigne, indem ich mein Kind in diesem Ausmass begleiten darf, ist unendlich gross. Das Wissen, das ich mir über mich aneigne, ebenfalls.

Dank dem Ja zur Freude gehe ich nicht unter in diesem Leben, ausgefüllt mit einem Alltag, der anders ist.

Ich finde Erfüllung darin. Ich finde Wissen darin. Ich finde Frieden und Ruhe darin auf eine Art, wie ich ohne nicht gefunden hätte.

Mein Kind zu begleiten erfordert Fingerspitzengefühl. Unheimlich viel Verständnis darüber, wie Kinder und Beziehung mit ihnen funktionieren – und wie nicht. Es erfordert ganz viel Selbstreflexion, ganz viel Selbstbeherrschung. Viel Achtsamkeit, ein grosses Gespür für Grenzen. Es bringt Versagen mit sich, Fehler. Es zwingt, meine eigenen Gefühle zuzulassen, sie zu zeigen. Mich Menschen zuzumuten, die mich in meiner Schwäche – die ich ohne dieses Anderssein wohl nicht in diesem Ausmass ausbreiten müsste – sehen und mich darin lieben.

Es bringt Unverständnis mit sich. Weil das Anderssein nicht immer offensichtlich ist. Weil wir regelmässig Erwartungen enttäuschen. Weil Anderssein unangenehm für andere sein kann.

Ich schäme mich manchmal. Weil nicht einfach alles so läuft wie erwartet. Weil wir nicht gefallen können. Weil wir auffallen.

Ich trauere manchmal. Wenn ich die Normkurve in der Ferne betrachte, von unserem Ausreisserstern, den wir bewohnen. Ich wünschte manchmal, wir wären dort.

Doch hier, auf diesem Stern, bin ich zuhause.
Er ist meins geworden.
Alles, was in mir an Andersartigkeit ist, wird zur Norm.
Denn ohne mein wahres Ich könnte ich keinen Tag hier überleben.
Ich schöpfe aus diesem Sein.
Ich liebe liebe liebe die Freiheit.
Ich liebe die Tiefe.
Ich liebe die Nähe.
Ich liebe das Echte, Pure.
Ich liebe die Fülle.

Mein Sein wurde erschüttert.

Doch gleichzeitig wurde damit mein Leben in neue Bahnen katapultiert. Ich bewohne Sterne, lebe auf anderen Planeten und mein Sein ist abenteuerlicher geworden.

Und die Normkurve? Sie flacht von aussen betrachtet ab.

Vielleicht wünschen sich Menschen darin gar, dass sie so wären wie wir.
Würde ich an ihrer Stelle. Nur hätte ich den Mut dazu nicht aufgebracht. Den Schritt aus der Kurve zu wagen. Ausreisser, Aussenseiter zu sein.

Darum bin ich dankbar.
Für dieses Kind, das anders ist.

Weil es mir Welten eröffnet, die mir verschlossen geblieben wären.
Weil es in mir drin eine Welt aufgemacht hat, die ich verschlossen hatte.
Weil es mir Leben in Tiefe ermöglicht und in einem Spektrum, das schillert. Das farbiger, lebendiger, unergründlicher und breiter ist, als was ich erwartet hätte.

Der Schmerz ist. Immer wieder.
Die Grenzen, die Erschöpfung, die Müdigkeit.
Aber immer wieder ist da auch Freude.
Eine grosse Zuversicht und Hoffnung.
Anderssein ist für mich nicht das Ende.
Es ist der Anfang.
Der Anfang von viel Neuem.
Viel Gutem.
Der Zukunft.

 

Titelbild: Sina Bieri

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