Mein Kind ist anders: ADHSler

Dieser Text ist Teil einer Serie über Mütter, die mit ihren Kindern andere Wege finden müssen als Mütter mit ’normalen‘ Kindern. Rahel hat bereits über ihre späte ADHS-Diagnose berichtet (hier noch die Podcastfolge). Wie es ihr als Mama eines Kindes geht, das ADHS hat, ist nochmals eine andere Geschichte.

Er rennt durch die Wohnung, arbeitet draussen stundenlang, er liebt es zu zerstören und zu kämpfen, er quatscht gefühlt den ganzen Tag, er gibt komische Laute von sich, grunzt, piepst, schreit, sein Lärmpegel ist eher überdurchschnittlich, sein Temperament impulsiv und fordernd, seine Geduld ist so gut wie nicht vorhanden und seine Energie so gut wie nie zu Ende.

«Mein Gott, woher nimmt er nur diese Energie?», haben sich schon unzählige Personen aus dem Umfeld gefragt – wir Eltern inklusive.

Er startet in den Tag von 0 auf 100. Noch im Bett liegend fordert er den Schoppen, leert ihn innert Sekundenschnelle. Dann wird angezogen und Programm muss geboten werden. Drinnen halten wir es alle zusammen nicht sehr lange aus.

Das Kind muss raus, braucht Aufgaben, will helfen, im Mittelpunkt, aber trotzdem alleine sein.

Mein Sohn bringt mich an den meisten Tagen schon vor dem Mittag an meine Grenzen. Würde ich dann auf mein Ritalin verzichten, hätten wir uns bis am Abend bestimmt schon totgeschlagen – gegenseitig. Gerade unser Charakter ist eigentlich derselbe: impulsiv, ungeduldig, viele Ideen im Kopf. Ideen. Bewusst vermeide ich es zu sagen, dass er «Seich im Kopf hat». Denn seine Ideen beinhalten wirklich viel Seich. Sie sind meist gefährlich, verbunden mit viel Dreck, Feuer, scharfen Gegenständen oder Dingen, die ich einfach nicht sofort zur Hand habe. Trotzdem muss ich oft schmunzeln und denke:

«Wow, eine kreative Art, das anzugehen. Aber nicht gerade gesellschaftskonform.»

Seit ich mich wegen meines ADHS habe abklären lassen, bin ich mir fast sicher, dass er es auch hat. Mit seinen 4.5 Jahren möchte ich ihn noch nicht abklären. Spannend wird es frühestens im Kindergarten.

Nicht nur das oben Genannte deutet dezent darauf hin. Er kann noch nicht zählen, nicht mal bis 3. Alle Versuche der grossen Schwester, es ihm beizubringen, sind kläglich gescheitert. Es interessiert ihn schlichtweg nicht. Er beginnt dann einfach, den Clown zu machen und spricht in seiner lustigen, unverständlichen Minions-Sprache zu uns. Überhaupt windet er sich aus vielem raus, indem er den Komiker zum Besten gibt. Aber er kennt alle Landmaschinen, weiss wann und meint zu wissen wie man die benutzt. Alles mit Motor hat seine volle Aufmerksamkeit und wird abgespeichert. 

Bis jetzt ist er sozial gut verträglich, auch wenn er ein Eigenbrötler ist. In der Spielgruppe hat er die meiste Zeit für sich alleine gespielt, war damit aber mehr als zufrieden.

Alleine spielen ist jedoch genau das, was zuhause das Problem ist.

Kaum ist die grosse Schwester weg, weiss er nichts mit sich anzufangen. Dann verzieht er sich nach draussen. Da macht er grosse Steinhaufen oder eine neue Holzbeige. Er hilft den Angestellten beim Misten, dem Grossvater beim Rasenmähen und Rechen, der Grossmutter beim Backen und Kochen und er liebt es, mit seinem Vater mit den Traktoren und allen anderen Maschinen durch die Gegend zu ziehen.

Was ich tun würde, wenn wir alle diese Möglichkeiten nicht hätten? Ich weiss es nicht.

Dieses Kind gehört genau hier hin – auf den Bauernhof. Und dass Umfeld und Umgebung bei ADHS viel ausmachen, weiss ich aus eigener Erfahrung.

Bestenfalls müssen wir ihn nie abklären und mit Medikamenten behandeln. Und wenn doch, sehe ich diesem Prozess ziemlich gelassen entgegen. Denn es tut nicht weh und hilft enorm, sich selbst zu verstehen.

Titelbild: Sina Bieri

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