Marianne, wie geht es dir?

Wie es mir geht? Als Marianne, Omabloggerin, Redaktionsassistentin, Autorin, Mutter dreier erwachsener Kinder, Oma zweier süsser Enkel. Eine Frau, die zwischen mehreren Lebensaufgaben hin- und herhüpft.

Aktuell sich ständig völlig unnötig irgendwie für irgendwas verantwortlich fühlend, eingeklemmt zwischen meinen Lebensaufgaben Job, Haushalt, Garten, erwachsenen Kindern, dem Enkelhüten und der Fürsorge für die eigene, pflegebedürftige Mutter.

Ich bin Teil derjenigen Generation, die nicht erst heute an Vereinbarkeit zerbricht. Und trotzdem weitermachte. Immer noch weitermacht. Ü55, berufstätig oder gerade pensioniert.

Wir Ü55er-innen müssen Vereinbarkeit nochmals ganz anders leben. Anders als jüngere Mütter, die vor allem damit kämpfen, Familie und Beruf zu vereinbaren. Über unsere Vereinbarkeit wird selten diskutiert. Alles und alle bringe ich in meinem Leben unter – und wer fehlt dabei?
Ich selbst.

Es war an der Zeit, dies zu ändern.

Da bin ich also. In den Ferien. Ohne Mann, ohne Familie, mutterseelenallein in einem zweitklassigen Hotel, weil die Hotels, die ich gerne gebucht hätte, ausgebucht oder unerschwinglich waren. Und weil ich dieses Jahr noch keinen einzigen Tag richtig frei hatte und mich deshalb physisch und psychisch etwas beschädigt und ziemlich müde fühle.

Das gibt es also tatsächlich, dass man sich auch ohne Kinder und Haus kaputt fühlt. Ich bin über mich selbst irritiert…

In meinem Alter noch eine Leck-mich-am-Arsch-Phase, wer hätte das gedacht!

Sicher hat Corona dazu beigetragen, die Sorge um die Familie. Die veränderte Situation im Alltag und am Arbeitsplatz. Aufgaben wie Rechnungen zahlen, rasch die Wassertropfen vom Badezimmerspiegel wegwischen, Zimmerpflanzen giessen, Kaffeebohnen nachfüllen, die Küche kehren, den Komposteimer leeren, die Bohnen im Garten pflücken und vieles mehr.

Zahllose tägliche kleine Dinge, die verrichtet werden müssen und die keiner bemerkt, wenn du sie tust. Die aber Folgen haben, wenn du sie nicht regelmässig erledigst.

Oder grosse Aufgaben wie Gedanken um Renovationen am Haus, vielleicht sogar das Haus verkaufen und in eine Mietwohnung ziehen, oder doch alles alters- und kindergerecht umbauen? Und dann die grosse Frage: Wie sollen wir das alles bezahlen?

Und nur, weil unsere Kinder ausgeflogen sind, heisst das nicht, dass wir Ü55er-innen nun alle Zeit der Welt und den Zustand «Ponyhof» haben.

Die Kraft nimmt ab, man braucht für alles etwas mehr Zeit. Wir können nicht alles tun, was man von uns will, auch wenn wir das gerne möchten.

Stress und Zerrissenheit sind oft die Folge – das «Es-nicht-alles-schaffen-was-man-sollte-möchte». Man muss sich abgrenzen und leidet dann unter den daraus entstehenden Spannungen und enttäuschten Erwartungen, sogar dann, wenn diese nicht gerechtfertigt waren.

Ü55. Dazu gehören auch Männer. Männer, die es noch gewohnt waren, dass ihnen die Mütter zudienten. Das erwarteten sie dann auch von ihren Frauen. Wir brauchten eine Einwilligung, um arbeiten zu gehen und man machte uns ein schlechtes Gewissen – denn es hiess:

«Die geht auch lieber arbeiten, als sich um die Kinder und den Haushalt zu kümmern.»

Wurde eine Frau tatsächlich berufstätig, hiess das nicht automatisch, dass der Gatte dann mehr daheim mithalf, um eine gerechtere Verteilung zu garantieren.

Noch heute höre ich Brigittes Mann über seine Frau sagen: «Wenn sie arbeiten gehen will, soll sie. Sie muss aber nicht meinen, ich würde dann für sie die Hausarbeit übernehmen. Soll sie sehen, wie sie zurechtkommt!»

Ihr Geld aber, das sie dann heimbrachte, das gab er fürs Haus und den neuen Wagen aus, den er ohne ihre Hilfe nicht hätte kaufen können.

Der Haushalt.
Auch da muss alles seine Ordnung haben. So wurde meine Generation noch konditioniert. Und zwar ausgesprochen gründlich. Gepflegt, sauber, ordentlich, die Schränke aufgeräumt, der Staub gewischt, die Böden gefegt, die Hemden gebügelt. Das wurde einem jahrelang eingebläut, bis man nicht mehr anders konnte, bis man sich nicht mit einem Buch hinzusetzen getraute, wenn nicht zuerst alles andere erledigt war.

Immer dann, wenn man jung noch grosse Pläne, Träume oder Wünsche hatte, wurde kommentiert: «Wozu? Du heiratest ja später doch!» Es klang wie ein Todesurteil.

Ein Mantra, das sich erfüllte; und vielleicht hat man auch nur deshalb geheiratet, weil einem das immer gesagt wurde, dass man das dann tun würde.
Jahrzehnte später tanzt man auf zwei und mehreren Hochzeiten. Man bewältigt nicht ganz freiwillig ein Pensum, von dem andere sagen: «Den Stress machst du dir ja selbst.»

Richtig, es geht um Stress, genauer um nicht von mir verursachten Existenzstress.

Da ist die lange Arbeitslosigkeit des Partners und die daraus entstandenen Lücken in seiner Pensionskasse. Oder die Lücken in meiner Pensionskasse.

In meiner Generation und der Generation meiner Mutter gibt es zahllose Frauen, die gar keine haben. Sie mussten bei den Kindern bleiben oder konnten nur ganz kleine Pensen bewältigen, da Kinderbetreuungsangebote fehlten oder schlicht zu teuer waren. Ihnen droht weiterhin Altersarmut in einem der reichsten Länder der Welt. Zahllose betagte Mütter sind davon betroffen, ob verwitwet, alleinerziehend oder geschieden.

Da ist meine 80-jährige Nachbarin, die kürzlich nicht einmal ein neues Bett kaufen konnte, weil ihr verstorbener Ex-Gatte auf Geschäftsreisen alles mit seiner Geliebten verschleudert hatte, während sie daheim für alles gesorgt und die Kinder aufgezogen hatte.

Anstatt die Frauen ordentlich und gleich zu entlöhnen, was gerecht wäre und positive Auswirkungen auf die Rentenbeiträge hätte, müssen diejenigen, die das ganze Leben schon weniger Gehalt kriegen und für die Gesellschaft so viel unbezahlte Arbeit leisten, jetzt noch länger arbeiten.

Das macht Frauen in meiner Generation wütend. Was wir tun, wird nicht wertgeschätzt.

Ja, ich gebe zu:

Für vieles fühle ich mich blöderweise verantwortlich, von dem andere sagen, das müsste ich nicht. Ich kann aber einfach nichts dagegen tun! Es nagt sonst an mir.

Gerne möchte man fragen, warum die Frauen meiner Generation das alles auf sich nehmen. Warum sie ein Gesamtpensum von weit über 100 Prozent bewältigen?

Da ist die betagte Mama, die jetzt immer mehr Hilfe braucht. Wie könnte ich es übers Herz bringen, meiner geliebten Mutter nicht zur Hand zu gehen? Der Frau, die für uns vier Kinder so viel auf sich genommen hat? Dann die eigenen Kinder, wenn sie eine Not haben, Sorgen teilen oder einfach nur herkommen wollen, um Kaffee, Prosecco oder ein Bier zu trinken und ein wenig zu quatschen oder um sich ein eingewachsenes Haar entfernen zu lassen. Wie könnte ich nicht ein offenes Haus haben für sie? Dann die herzigen Enkel. Warum sollte ich es ablehnen, sie gelegentlich zu betreuen, wenn es organisierbar ist?

Ja, warum nehmen wir es klaglos hin, eingeklemmt zu sein zwischen zahllosen Aufgaben und Jobs wie die Salami im Sandwich?

Die Antwort ist einfach: Man hat uns konditioniert.

So, dass man immer zuerst für die anderen schaut. Schaut, dass es allen gut geht, alle alles haben, alle Bedürfnisse erfüllt sind. Was aber oft auf der Strecke bleibt, ist, was man selbst braucht, persönliche Interessen, die man pflegen möchte. Ich war noch kein einziges Mal im Wald zum Pilze sammeln, weil dieses Jahr irgendwie die Zeit dazu fehlte oder das Wetter mies war. Es gibt eine Kluft zwischen Wunsch und Wirklichkeit, den Erwartungen unserer Gesellschaft und der Realität.

Ich habe mindestens zwei Drittel meines Lebens schon gelebt und davon den grössten Teil ohne Bezahlung gearbeitet. Und, ehrlich, es scheint mir einfach noch immer keine Besserung in Sicht zu sein. Das stresst.

Ich fühle mich gerade ein bisschen verlassen und alleine gelassen, und ein idiotisches Selbstmitleid will mich überfallen.

Gleichzeitig bin ich bereits in dem Alter, in dem man auf keinen Fall den Kindern irgendwie lästig sein will. Ehrlich, diese Diskrepanz ist ätzend.

Es hat mich also die letzte Zeit fertig gemacht, dass ich nicht mehr alles schaffe und so manches anders ist als gewünscht. Unordnung und Unerledigtes stressen mich einfach. Es wurmt mich auch irgendwie, dass ich die vielen Erwartungen an mich nicht mehr erfüllen kann und auch nicht mehr erfüllen will und müsste.

Marianne – ist dann mal weg…

Deshalb bin ich nun weggefahren. Damit ich die ganze Arbeit, die daheim wartet, nicht sehen muss. Damit ich mal Zeit für mich habe, runterfahren kann. Ich bin also geflüchtet. Genau wissend, dass bei meiner Heimkehr die Berge immer noch da sein werden.

Hier, in diesem leicht heruntergekommenen Hotel mit der fast achtzigjährigen Besitzerin, die jeden Tag im See schwimmen geht, täglich an der Rezeption steht, jeden zweiten Tag noch Tennis spielt und am Samstag in Aigle gerade einen Oldtimer gekauft hat, versuche ich den Kopf durchzulüften und mir Gedanken zu machen.

Ich will mir einen Plan zurechtlegen. Ich muss lernen, Prioritäten zu setzen. Ich muss überlegen, warum es mich stresst, wenn ich nicht mehr alles gleich zügig erledigen kann wie früher, warum es mir so schwer fällt, gelassener und lockerer zu werden. Warum ich auch trotz Stress noch so vieles tun möchte. Nämlich coole Dinge erleben, neue Menschen kennenlernen, spannende Sachen unternehmen.

Bin ich schräg drauf, weil ich die Erwartungen an mich selbst nicht mehr so gut erfüllen kann?

Weil es mir wichtig ist, dass andere nicht ihre Nase über meinen Haushalt rümpfen? Sind es die Prägungen, die sich mir so eingebrannt haben?

Noch weiss ich es nicht so richtig, was genau mit mir los ist. Ganz sicher aber hat eine weitere Teilstrecke des Mutterlebens begonnen. Eines Mutterlebens, das immer wieder neu ein Loslassen bedeutet, aber auch das schmerzhafte Abschied nehmen von der eigenen Kraft.

Und jetzt überlege ich trotzdem, ob ich wie die Hoteliersfrau bei 12 Grad in den See schwimmen gehen soll…

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2 Kommentare zu “Marianne, wie geht es dir?

  1. Danke Marianne für den ehrlichen Beitrag. Manchmal vergesse ich „jüngere Mutter“ was unsere Mütter für einen Spagat machen, um alles unter den Hut zu kriegen. Erst seit ich selbst Mutter bin ist mir klar geworden, wie viel mein Mami geleistet hat. 4 Kinder gross gezogen, selbständig im IT Bereich (Männerdomaine), aktiv in Vereinen, engagiert für Frauen. Vielmals möchte ich sie nach Rat fragen, wie sie das alles gemacht hat, doch leider ist sie vor ein paar Jahren an Krebs gestorben. Ich habe grossen Respekt von dem was sie geleistet hat und werde ihr immer dankbar sein, dass sie dafür gekämpft hat, dass wir Frauen heute eine Wahl haben.

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