Coronik – Corona, du nervst!

Leute, ich hab’s gesehen. Mir reichts. Ich fress’ mir jetzt einen Wintervorrat an und verdrücke mich in den Winterschlaf. Ihr könnt mich aufwecken, wenn das ganze Zeugs wieder vorbei ist, ok? Ok!

Im Frühling war wenigstens schönes Wetter. Perspektive auf Baden im See, Wandern, Nachtspaziergänge bei Vollmond, Grill’n’Chill und lauen Sommerabende auf der Terrasse…

Perspektive jetzt? Nebel. Pflotsch. Kein Samichlaus, wohl keine grosse Familienweihnachten.

Gut, das mit dem Samichlaus ist ja noch egal. Ich mag es nicht, dass Jahr für Jahr ein verkleideter Mann vom Samichlausverein mit seinen dreckigen Schuhen bei uns in der Stube sitzt, der uns offensichtlich kennt und Sprüche klopft, dabei aber so viel Bart hat, dass wir keine Chance haben zu erraten wer darunter ist.

Und es dann erst Wochen später herausfinden, weil uns ein Bekannter an einem Fest auf unsere Kinder anspricht, die sich am Samichlausabend wie Rotzlöffel benommen haben. Ups, der war es also. Kein schönes Gefühl.

Etwas weniger easy nehme ich es bei unseren Freunden.

Meine BF hat auch vier Kinder. Macht zwölf Personen, wenn wir uns alle treffen möchten. Grande. Entweder wir opfern die Kleinsten, oder wir lassen einfach die Männer mit den acht Kids abmachen und wir Frauen treffen uns sonst wo.

Klingt plötzlich doch nach einer Perspektive…

Aber ernsthaft.

Ich hasse es, dass ich meine Kinder im Moment fast jeden Tag wieder neu enttäuschen muss.

Dass Dinge, auf die sie sich gefreut haben nicht stattfinden können. Besuch am Wochenende? Kommt nicht, hat abgesagt. Schulausflug? Darf leider nicht stattfinden. Nein, auch nicht im Wald im Freien. Halloween mit Klingeln? Sorry, nur bei ausgewählten Nachbarn, die ausdrücklich ja sagen. Konzerte mit dem Chor? Geht nicht. Latärndliumzug? Nope. Weihnachten mit der Familie? Sieht nicht gut aus. Chrippenspiel in der Kirche, wo sie sich jedes Jahr riesig drauf freuen? Ist wohl zu heikel. Aber dafür Ferien im Sommer? Kids, wir wissen es leider einfach nicht…

Mit so viel Enttäuschung umzugehen, fordert heraus. Ich merke, wie auch meine Jungmannschaft dünnhäutiger wird. Jedenfalls die, die mit einem Bein in den Teenagerjahren stehen.

Sind näher am Wasser gebaut. Reagieren gereizter. Kriegen so viel mit. Wir versuchen sie zwar so gut es geht zu schützen. Vor all den Gedanken, all den Szenarien. Dem Nichtwissen und Ausgeliefertsein. All den Theorien und Medienmitteilungen.

Wir wollen so viel Normalität wie möglich und sinnvoll, aufrechterhalten.

Und doch: Sie sind mittendrin.

Sie werden von Lehrpersonen mit Maske unterrichtet. Verbringen die Pause in eingeteilten Sektoren. Haben wunde Hände vom vielen Händewaschen und der trockenen Luft. Hören dies und das. Spüren die Unsicherheit. Und wünschen sich dabei nur eins: Normalität. Die ich grad nicht bieten kann.

Denn auch ich hab’s gesehen. Nicht nur das BAG hat auf rot geschaltet. Ich ziehe mit. Drehe ebenfalls im dunkelorangen Bereich.

Und es dünkt mich, als sei ich nicht die Einzige. Innerhalb der letzten Woche erlebte ich Tränen beim Einkaufen. Älteren Menschen, die seit März fast keine Aussenkontakte mehr pflegen und einsam sind. Einen intensiven Austausch mit einer Corona-Skeptikerin, die sich ihrer Freiheit beraubt fühlt. Ein interessantes Gespräch mit einer Intensivpflegerin. Und Begegnungen mit Menschen, die obendrauf zu Corona noch mit persönlichen Schicksalen klarkommen müssen.

Die Situation überfordert. Glaub alle.

Wo darf ich noch hin? Mit wem macht es Sinn, dass ich mich noch treffe? Darf ich überhaupt noch abmachen? Mit einer Freundin habe ich bereits entschieden, dass wir den Winter über nur telefonieren. Ist das jetzt paranoid? Oder vernünftig? Je nachdem, wen man fragt, fällt die Antwort anders aus.

Und das ist genau das, was mich zurzeit so herausfordert. Jeder hat eine Meinung. Und tut die kund. Lautstark.

Dabei driften die Fronten immer weiter auseinander.

Wir sind keine Einheit. Wir schaffen es nicht, zusammen zu stehen und gemeinsam die Sache durchzustehen. Obwohl wir uns doch jetzt grad bräuchten.

Uns zwar nicht physischer umarmen dürfen, aber wenigstens mit Taten und Worten. Mit einem aufmunternden Lächeln. Verschwenden wir unsere Energie nicht, indem wir mit dem Finger auf andere zeigen, die sich unserer Meinung nach nicht korrekt verhalten. Schimpfen wir doch nicht über die Regierung. Lehrer. Behörden.

Lasst uns nicht vergessen, dass wir trotz allem doch immer noch zu den Privilegierten dieser Welt gehörten. Ich denke, keine Generation vor uns, wurde von so vielem verschont wie wir. Und nur wenige Länder sind so gut abgesichert und aufgestellt.

Ja, es wird uns allen grad viel weggenommen. An Sicherheit, an Stabilität, an Perspektive. An Unbekümmertheit und Freude. Es wäre einfacher, wenn Covid-19 ein Ablaufdatum hätte.

Wenn wir wüssten: im Frühling ist alles wieder vorbei. So ist es aber leider nicht. So ungern wir das haben, aber gewissermassen sind wir der Situation ausgeliefert. Wir stecken jetzt hier fest. Gemeinsam. Wir können die Situation grad nicht ändern. Und wir werden sehr wahrscheinlich viele Fragen nie abschliessend klären können. Keine Antwort auf das «Warum» bekommen.

Das auszuhalten und anzunehmen ist nicht ganz einfach. Aber notwendig, wenn wir vorwärts schauen möchten.

Ich möchte meinen Kindern zeigen, dass man Herausforderungen aushalten kann. Dass diese zum Leben gehören. Dass das, wie wir unser Leben gestalten können, nicht immer selbstverständlich ist.

Und vorallem: Dass Lebensfreude nicht von äusseren Umständen abhängen muss.

Wir haben jetzt ja einen Vorteil gegenüber dem Frühling: Wir haben schon einige Dinge in unserem Mami-Trickkistli, von denen wir wissen, dass sie uns und unserer Familie gut tun.

Routine hilft mir zum Beispiel, das richtige Mindset zu behalten.

Ich weiss: Ich muss regelmässig den Kopf lüften. Also gehe ich weiterhin mit meiner Freundin joggen. Egal, welches Wetter, ich gehe raus.

Und dann gibt es halt mal etwas mehr Screentime für die Youngsters. Denn ich bin auch systemrelevant. Familiensystemrelevanz. Den Kindern hilft es, wenn wir regelmässige Pizza-Movie-Nights in Aussicht stellen. Sie Rezepte erforschen und nachkochen dürfen. Und wenn sie alle ein Gspändli haben, mit dem sie sich notfalls weiter treffen können.

Und es hilft mir, dass wir in der Familie immer wieder überlegen, für was wir jetzt gerade dankbar sind.

Und darüber staunen können, dass doch so einiges zusammen kommt. Trotz Krise. Trotz Unsicherheit. Kleine, alltägliche Dinge. Wie all die Dokus auf Disney+. Und Cornflakes. Aber auch grössere Dinge, wie Menschen, die gerade in verantwortungsvollen Ämtern und in systemrelevanten Jobs stehen.

Und all denen möchte ich einfach mal «Danke» sagen. Allen, die jeden Morgen aufstehen. Entscheidungen treffen. Verantwortung übernehmen. Dafür sorgen, dass unsere Kinder unterrichtet werden. Unser Gesundheitswesen funktioniert. Dass wir Essen bekommen. All die sind am Ende des Tages auch nur Menschen. Die ihren Job machen.

Darum wird wohl nichts aus meinem Winterschlaf. Denn ich bin motiviert, meinen Teil auch dazu beizutragen.

Dort verzeihen, wo Dinge nicht gut laufen. Menschen nicht verurteilen, deren Geschichte und Umstände ich nicht kenne. Gnädig sein, wenn Menschen austicken. Hilfe anbieten. Rücksicht nehmen. Oder wie ich es meinen Kindern sagen würde: «Sind lieb zunenand. Ihr händ eui nur eimal. Gäbed eui Sorg.».

Dann glaube ich, dass wir irgendwann zurück schauen werden uns stolz sagen können: «hey, wir haben es gemeinsam gepackt!». Wie freue ich mich auf diesen Moment!

 

Bild: Eduardo Casajus Gorostiaga

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Ein Kommentar zu “Coronik – Corona, du nervst!

  1. Wunderbarer Beitrag! Der Grund warum wir auseinander driften ist, dass der Sinn verloren geht. Das Vertrauen in die Massnahmen ist weg. Vielleicht ist es auch Zeit, dass wir uns eingestehen: wir schaffen uns diese Leid künstlich. Wir brauchen nicht so viel Angst zu haben. Wir haben es falsch eingeschätzt. Vielleicht ist dies das Schwierigste an allem.

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