Homeschooling – warum macht man das?

Andere Kinder gehen nach den Ferien wieder in die Schule, bei Nadines Alltag ändert sich damit kaum etwas. Denn ihre Kinder bleiben zuhause. Seit über einem Jahr machen sie und ihr Mann Homeschooling – warum eigentlich? Und wie ist das so?

Während sich um uns herum alle aufgeregt auf den ersten Kindergarten- oder Schultag freuten, bin ich ein wenig traurig. Ein wenig nur. Aber doch.

Vor zwei Jahren hatten wir ein Kindergartenkind. Ausgestattet mit Tasche und Leuchtgurt. Ein Kind, das den Kindergarten liebte – und dem nach einem halben Jahr trotzdem alles zu viel war.

Der Entscheid, unser Kind zu homeschoolen, fiel uns leicht.

Wir hatten uns schon länger damit auseinander gesetzt, waren so fest überzeugt von dem Konzept, aber hätten wohl den Mut oder den letzten Willen nicht gehabt, unsere Vision umzusetzen. Entsprechend waren die beiden letzten Jahre ein Geschenk.

Doch die Tatsache, dass wir unser Kind homeschoolen, fiel mir schwerer als gedacht.

Da ist kein klarer Pfad, kein ausgeleuchteter Weg. Nur eine weite Ebene.

Bilder: Nadine Chaignat
Homeschooling: Das Zuhause ist dein Schulzimmer

Homeschooling, hierfür gibt es keinen Plan. Keiner sagt dir, wie du deinem Kind Dinge beibringen sollst. Keiner macht dir einen Stundenplan, übernimmt die Verantwortung. Keiner beurteilt offiziell, ob dein Kind sich im Verhältnis zum Durchschnitt gut entwickelt.

Alles liegt bei uns.

Was sowohl wunderbar wie zeitweise überwältigend ist.

Das Leben als Homeschool-Familie entspricht mir zu hundert Prozent. Kein starres System. Keine fixen Zeiten. Viel viel Freiraum zum Sein.

Ich liebe es, dass wir leben dürfen. Atmen können. Durchatmen, wenn wir müssen. Losziehen, wenn wir wollen.

Ich liebe es, aus der Fülle zu schöpfen.

Unser Haus, der Garten, unser Familienleben ist eine breite Palette an Möglichkeiten, die Welt zu entdecken.

Unser Zuhause dient nicht nur dem Schlafen und Essen. Es ist der Ort, an dem das Leben pulsiert. Das Leben als Ganzes. Es ist kein Ausgangspunkt für das Leben. Es ist das Herz.

Ich bin die Person, die dieses Herz gestaltet.

Alle Bilder: Nadine Chaignat

Meine Beziehung mit meinen Kindern ist keine Lehrperson-Beziehung. Ich nehme keine Rolle ein.

Ich sehe mich als jemanden, der sie umfassend in ihrem Leben anleiten darf. Sie hinweist auf all das Faszinierende, was dem menschlichen Sein zugrunde liegt. Neugier und Wissensdurst ist, was mich selber immer wieder antreibt. Und das teile ich mit ihnen.

Homeschooling als Chance, Talente zu entdecken

Bereits vor unserer Homeschool-Zeit hat mich der Gedanke nicht losgelassen, dass jeder Mensch diesen inneren Lern- und Wissensdrang hat. Dass jedes Kind gemäss seinen Interessen und Begabungen in der Lage ist, sich die Grundlagen für alles Nötige anzueignen, um eben jene Interessen und Begabungen zu vertiefen und zu erweitern.

Menschen, die dies können – so meine Überzeugung – werden so stark sich selbst sein können, dass sie darin gänzlich unschlagbar sind.

Da ist keine Aufgesetztheit. Keine oberflächlichen Lernprozesse. Auch da habe ich dieses Bild des Schöpfens. Aus dem Vollen schöpfen. Dieses innere Wesen, welches einem selbst fremd ist, entdecken, ihm nachgehen. Es aus sich heraus holen. Es gestalten und gestalten lassen.

Diese unbändige Kraft, die dieser Akt beinhaltet, die wünsche ich meinen Kindern.

Es ist meiner Ansicht nach das grösste Privileg, welches ich ihnen bieten kann, dass sie in einer Bubble aufwachsen, in der sie zugleich Kind und Lernende sind. In der sie ihrer Neugierde ungehindert folgen dürfen. Nicht von Zeit und Plan begrenzt sind.

Es fasziniert mich unheimlich zu sehen, dass sie lernen – Buchstaben, Rechnen, Feinmotorik. Ohne Anstrengung. Sie merken es nicht einmal. Sie wollen einfach machen. Und wissen.

Und wenn dann das Kind sein erstes Wort schreibt, obwohl es bisher jegliche Schreib- und Leseübungen verweigert hat. «SIL» – Kreidestaub auf Asphalt. Ziel.

Dann bin ich schlicht überwältigt von der Tatsache, dass in diesem kleinen Hirn so viel vorgeht, von dem ich nichts mitkriege.

Das festigt mein Vertrauen in unsere Kinder. In unsere Überzeugung, dass Kinder nicht zwingend jemanden brauchen, der ihnen Dinge vorsagt. Sondern jemanden brauchen, der ihren Wissensdurst weckt, ihn nährt und ihn stillt. Der ihnen Raum und Zeit gibt. Der sich ihren Interessen und ihrem Tempo anpasst. Der an sie glaubt.

Und trotzdem bin ich manchmal traurig.

Trotzdem bin ich überfordert.

Weil eben jener Lernprozess, den meine Kinder machen, individuell ist. Weil unsere Familie damit individuell wird.

Weil wir anders sind. Und obwohl ich gerne anders bin, möchte ich doch gleich sein wie alle.

Homeschooling, ist das nicht isolierend?

Die Frage, ob wir unseren Kindern mit dem Homeschoolen nicht Dinge vorenthalten, die sie später vermissen werden. Inzwischen habe ich sie mit Nein beantwortet.

Doch ich spüre das Ja um mich herum.

Obwohl viele ihre Schulzeit nicht gut erlebt haben. Obwohl da so viel Leerlauf stattfindet. So viele Konflikte. So viel Wartezeit. So viel Druck auf das Kind.

Ist eine Schulkarriere nach wie vor gemäss Gesellschaft offiziell das Beste, was einem Kind passieren kann.

Ich bezweifle das.

Schule ist praktisch. Sie ist institutionalisiert. Da sind Verantwortliche, Pläne, Ziele.

Schule ist aber auch brutal.

Brutal einengend, brutal überfordernd. Unerbittlich.

Ob meine Kinder weniger sozialisiert seien, wenn sie nicht täglich mehrere Stunden mit mehr als zwanzig Gleichaltrigen in einem Raum verbringen können?

Ich bezweifle das.

Denn das Zusammensein mit so vielen Menschen, die sich alle in einem Lernprozess befinden, was das Zusammenleben betrifft. Die ungefiltert austeilen, ausgrenzen:

Ich glaube nicht, dass ich meine Kinder zwangsläufig diesen Prozessen aussetzen muss, damit sie gesellschaftsfähig werden.

Überhaupt, wie kann man der Überzeugung sein, dass Sozialkompetenz ausschliesslich in einem einzigen Setting gelernt werden kann? Und wir reden hier von einer wohlverstanden künstlich kreierten, keineswegs gesellschaftsabbildenden Konstellation. (Oder wann im Leben hat man die Gelegenheit, sich wieder ausschliesslich in einer Gruppe Gleichaltriger zu bewegen? Äbe.)

Auch frage ich mich: Warum soll ein geschützter Rahmen, ein kleinerer, übersichtlicher Rahmen, einer kindlichen Sozialentwicklung schaden?

Ich liebe es, dass ich die Herzen meiner Kinder schützen kann. Ihnen Raum geben kann, an Stärke zu gewinnen. Ihre Kämpfe in einem Rahmen auszutragen, der ihnen wohlgesinnt ist. Der überschaubar ist. Dass sie Zeit haben, Erlebnisse mit Menschen zu teilen, die ihnen wohlgesinnt sind, die sie mögen. Und gleichzeitig von deren Erfahrungen profitieren dürfen (und umgekehrt).

Ob es mir nicht zu viel wird, ständig um meine Kinder zu sein?

Wollen viele wissen.

Nein.

Nein, ich glaube nicht.

Obwohl ich manchmal froh wäre, Freiräume zu haben. Mich auf die Ruhe zu freuen, wenn alle in der Schule sind.

Ich bin keine offizielle Gluggere. Ich habe nicht per se ein Bedürfnis, meine Kinder um mich zu scharen und mich mit ihnen zu verkriechen.

Doch ich habe entdeckt, dass es etwas Wunderbares ist, meinen Kindern Zeit zu schenken.

Dass diese gemeinsame Zeit, in der sie wachsen, Persönlichkeit gewinnen, ihr Leben entdecken, ein unglaubliches Privileg ist für mich. Dass ich meinen Kaffee in zehn, zwanzig Jahren in Ruhe trinken kann. Aber dass in zehn, zwanzig Jahren all das vorbei sein wird, was ich im Moment habe: Nämlich, dass meine Kinder Kinder sind. Und ich ihnen dabei zuschauen darf.

Scheiss auf den Kaffee.

Homeschooling im Alltag

Homeschoolen hat ganz viel mit Achtsamkeit zu tun.

Sich selber und die Kinder wahrnehmen. Sich Zeit nehmen, auf Fragen und Bedürfnisse einzugehen. Sich selber und die Kinder zu entdecken. Und die Kunst, gemeinsam in Momenten zu verweilen.

Da ist jener Morgen, die noch kalten Sommermorgen. Die Sonne schien und wir sassen auf unserem Gartenplatz. Assen Apfelschnitze und schauten «unseren» Vögeln zu wie sie vom Nest in unserer Dachschräge in den Garten und zurück flogen. Sich nur Zentimeter von uns niederliessen. Wir konnten sehen, welche Insekten sie für ihre Jungen in den Schnäbel hatten. Wir guckten ihnen beim Jagen zu.

Und dieser heilige Moment steht für mich sinnbildlich für unser Zusammenleben. Wir sind.

Wir geniessen, was ist. Wir entdecken, was ist. Wir lernen. Einfach so. Fast nebenbei. Über Vögel. Über Garten. Über Insekten. Über das Sein.

Manchmal bin ich traurig. Weil ich Angst habe, ihnen nicht gerecht zu werden. Weil mich der Gedanke an die nächsten zehn Jahre Homeschoolen überfordert.   Doch ich lerne. Lerne, loszulassen. Und ein Jahr nach dem anderen zu nehmen. Mutig zu sein. Daran zu glauben, dass auch ich wachse. Mit jedem Jahr, das vergeht. Mit jedem, das kommt.

Wie ich mit meinen Zweifeln umgehe?

Ich lerne mein Herz zur Ruhe zu bringen. Meine Zweifel zu zügeln. Mein Vertrauen in mich selbst aufrecht zu erhalten. Auch wenn es zeitweise erschüttert oder in Frage gestellt wird.

Ich lerne Kompetenzen des Lehrplans, Pläne zu schreiben, Themen aufzubereiten und wie Menschen Rechnen und Sprache lernen. Ich lerne zu warten, bis die Kinder bereit sind für die nächsten Schritte. Ich lerne, dass eine Woche ausgedruckte Ninjago-Vorlagen ausmalen dazu führt, dass mein Kind plötzlich überkompetent im Ausmalen wird. Dass Bäume mittels Duftstoffe kommunizieren und einander vor fressgeilen Giraffen warnen können.

Ich lerne Dinge, die mich nie interessiert hätten und dass meine Bequemlichkeit dort aufhört, wo der Wissensdurst meiner Kinder anfängt.

Ich lerne, dass langsam manchmal schneller ist. Anders manchmal besser. Und  dass die Freiheit da beginnt, wo man Vorstellungen loslässt, sich hinsetzt und Vögeln beim Füttern ihrer Jungen zuschaut.

Falls ihr konkrete Fragen zum Thema Homeschooling habt, schreibt diese doch per Kommentar unter den Beitrag oder Email an hierkommtwasgutes@mamasunplugged.ch – in einem weiteren Beitrag werde ich konkreter darauf eingehen, wie Lernen Zuhause stattfinden kann.

Teilen mit

2 Kommentare zu “Homeschooling – warum macht man das?

  1. Hast du schon einen Plan wie du ihnen Plus·quam·per·fekt, Adverbien und andere, für mich längst nicht mehr präsente Themen beibringst? Eignest du dir diese vorher alle wieder an oder hast du alles noch im Hinterstübchen?

    Ist Homeschooling bis zum Schulabschluss oder gar Maturitätsprüfung möglich?

    Ist der Kindergarten zwingend oder darf man da bereits mit dem Homeschooling beginnen?

    Kompliment zum Mut, die Kinder zu Hause zu unterrichten und zum sensationellen Text. Du sprichst mir aus der Seele.

    Grüsse von einer Mutter mit 4 Kindern (6,5,3,0)

  2. Liebe Nadine

    Ich weiss grad nicht, wie ich dir für diesen wunderbaren Beitrag danken kann.
    Du schreibst mir von der Seele…. Gewisse Zeilen haben mich si gerührt.
    Da homeschooling im GR nicht ganz so einfach ist, bin ich dabei einen Kindergarten aufzubauen, welcher sehr vieles vom homeschooling beinhalten soll und trotzdem ist er kantonskonform. Knifflig aber es geht.

    Das zu lesen war eine richtige Inspiration und ein Motivationsschub!

    Von Herzen DANKE aus dem Misox

    Selina

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.