Familienweltreise mit Hindernissen

Martina Gisler

Martina ist Deutsch -und Fremdsprachenlehrerin und Mutter von zwei Mädchen. Ihre grosse Leidenschaft, das Theater, kam die letzten Jahre im Familientrubel viel zu kurz. Für ein Jahr teilt sie sich nun die Regie über das Familienleben mit ihrem Mann und es hat wieder Platz für andere Leidenschaften wie Reisen und Wandern.

Die Koffer gepackt und parat für die Reise um die ganze Welt. Martina Gisler und ihr Mann wollten mit zwei kleinen Kindern erst nach Australien, und von da aus weiter. Doch dann kam der Lockdown. Wie Corona ihre Reisepläne durchkreuzte und warum das gar nicht so schlimm ist.

Im März 2020 hatten wir ziemlich alles zusammen. Den grössten Teil unseres Hausrats aufgelöst, Wohnung und Job gekündigt, Versicherungen abgeschlossen, Flug, Visa und Unterkunft für den ersten Monat gebucht. Wir wollten in Westaustralien starten und vor Ort schauen, ob wir dort ein Jahr bleiben oder noch andere Länder bereisen möchten. Neue Kulturen entdecken, Menschen zu treffen, in eine andere Sprache eintauchen und die Welt zu sehen, hat uns schon immer inspiriert und fasziniert. Es war unser grosser Traum, einmal im Ausland zu leben. Dies änderte sich auch nicht, als wir Kinder bekamen.

Der Entschluss, als Familie auf Weltreise zu gehen, fiel praktisch noch im Wochenbett unserer zweiten Tochter.

Mein Mann meinte: «Jetzt ist der richtige Zeitpunkt.» Was mich kurzfristig überrumpelte.

Noch total in der Baby-Bubble befindlich, war mir das sichere Zuhause für meine Kinder in diesem Moment das allerwichtigste. Aber er hatte recht, einen besseren Zeitpunkt würde es wohl nicht mehr geben. Zudem wollten wir jetzt, wo die Kinder noch klein sind, nicht einfach neben Kinderbetreuung, Job und Haushalt funktionieren müssen, sondern die Entwicklung unserer Mädchen mit viel Musse geniessen können. Und die Frage, ob wir in der Schweiz leben und unsere Kinder hier grossziehen wollen, stand seit unserer ersten, gemeinsamen Weltreise im Raum. Also stimmte ich zu.

In einem Jahr, so beschlossen wir, würden wir losziehen.

Dieses Jahr war geprägt von unseren Vorbereitungen.

Obwohl wir wussten, dass unsere Reise sehr viel Arbeit mit sich bringen würde, waren wir teilweise überwältigt von der Mammutaufgabe.

Haushalt reduzieren, sich durch den Versicherungsdschungel kämpfen, Jahresvisum für Australien beantragen und vieles mehr. Da wir neben der Betreuung der Mädchen zu kaum etwas kamen, teilten wir uns immer öfter auf und übergaben uns die Mädchen mehr oder weniger im fliegenden Wechsel.

Es gab in diesem Vorbereitungsjahr wenig Zeit als Paar, wenig Zeit für sich selbst und sehr selten mal einen Ausflug als Familie. Hinzu kam, dass ich mich nach der Geburt unserer zweiten Tochter so richtig gegroundet fühlte. Ich hatte mich entschlossen, nicht mehr als Lehrerin tätig zu sein. Doch während ich mit einem Kind viel umher kam, Freundinnen besuchte und lange Zugreisen unternahm, schaffte ich es – nun mit zwei Mädchen unterwegs – monatelang nicht aus unserem Wohnort raus.

Ich war sehr unsicher in diesem ersten Jahr als Zweifachmutter und traute mir extrem wenig zu.

Der relativ kleine Altersabstand zwischen den Mädchen machte es zusätzlich schwierig. Entsprechend sehnte ich mich nach Abwechslung am Wochenende. Aber das war die Zeit, in der wir unser Auslandjahr planten und Haushalt machten. Über Wasser hielt mich die Aussicht, dass es nur noch wenige Monate so streng sein würde und ich dann erstmal sehr lange nicht mehr mit Baby im Arm und Kleinkind am Bein Mittagessen kochen muss. Die Vorfreude auf die offene australische Lebensart, Zeit für mich, Zeit als Paar, eine Zeit, um die Mädchen einfach geniessen zu können.

Was dann folgte, wissen wohl alle: Erste Coronafälle in der Schweiz, Ausfall der internationalen Flüge, Reisebeschränkungen, Lockdown.

Und wir zuhause mit zwei kleinen Kindern, in einer gekündigten Wohnung und mit gekündigtem Job.

Die ganze Welt hamsterte gerade Lebensmittel und Toilettenpapier, und wir lösten genau jetzt unseren kompletten Haushalt auf. Shit!

Hausrat in paar Taschen. Familie Gisler war parat für die Weltreise.

Für unsere Beziehung ein ziemlicher Belastungstest. Nicht primär durch die vertrackte Situation, aber durch unsere unterschiedlichen Wahrnehmungen. Für ihn: Alles easy, geht schon, klappt schon, alles nur halb so schlimm. Für mich: Die Welt bricht zusammen, wir haben kleine Kinder, die wir beschützen müssen. Was um Himmels Willen machen wir da gerade? Unsere Pläne wurden einfach immer unsicherer. Ich konnte nicht mehr mit grosser Vorfreude von unserer Reise erzählen.

In dem ganzen Getöse, neben Job, Kinderbetreuung, Haushaltsauflösung und Coronashutdown stellte sich dann die sehr konkrete Frage: «Und jetzt?»
Australien war ganz klar keine Option mehr. Unsere Wohnung war gekündigt. Bleiben ging also auch nicht. Sogar die Einliegerwohnung von meiner Mutter in Deutschland als erste Notlösung fiel weg, da die Schweizer Grenzen unterdessen geschlossen waren.

Die Frage blieb: Wollen wir das noch durchziehen oder brechen wir ab?

Mein Mann war klar fürs Durchziehen. Ich selber brauchte Zeit, machte eine geführte Meditation, in der es darum ging, herauszufinden, was einem gerade am Wichtigsten ist. Das Ergebnis: Am wichtigsten war, was wir ursprünglich geplant hatten: Ein Jahr Fokus auf die Familie.

Voll bepackt reisten Gislers während des Lockdowns los.

Wir hatten uns entschieden, das Beste aus der Situation zu machen und zu starten. Langfristige Planung war zu diesem Zeitpunkt unmöglich und so beschlossen wir, vorerst die Schweizer Berge zu entdecken und eine rollende Planung einzuführen.

Unsere ursprünglichen Pläne und Visionen aufzugeben, war schmerzhaft.

Uns war aber auch klar, dass viele Menschen viel schlimmer und existenzieller von der Krise getroffen wurden als wir.

Als erste Station auf unserer Reise hatten wir Arosa ausgewählt. Einerseits da wir die Gegend noch nicht kannten, andererseits weil wir eine echt schöne Wohnung in unserem Budget für einen Monat mieten konnten. Wir starteten Ende April, während des Lockdowns. Als wir in unserem Wohnort am Bahnhof standen und ich zum ersten Mal seit vielen Wochen in einen Zug steigen sollte, fühlte ich mich sehr unwohl. Ich hatte das Gefühl, alle starren uns an und wollte am liebsten rufen: «Nein, wir fahren nicht in die Ferien, wir haben gerade unser Zuhause aufgegeben.»

Bepackt mit Buggy, Reiserucksack, Kindertrage und Koffer reisten wir in menschenleeren Zügen quer durch die Schweiz.

Auch Arosa war zu dem Zeitpunkt eine Geisterstadt inmitten einer unglaublich schönen Naturkulisse.

Doch mit dem Start unserer Reise wurde das Gefühlschaos nicht kleiner.
Mein Mann hatte sehr spontan die Möglichkeit, für einige Wochen als Freelancer zu arbeiten. Und so sass er immer etwa zwei Tage die Woche am Laptop. Eigentlich eine super Möglichkeit, unser Reisebudget noch etwas aufzustocken. Aber ich war erstmal vor den Kopf gestossen. Dass dies gleich von Anfang an so sein sollte und ich doch wieder in diese Überforderungsmomente kommen sollte, wenn beide Mädchen gerade alles gleichzeitig wollten, war erstmal ernüchternd.

In den ersten Wochen hatten mein Mann und ich so viel Streit wie noch nie.

Der Frust der letzten Monate und meine Enttäuschung, dass wir nicht sieben Tage die Woche erstmal für uns hatten, mussten wohl zuerst abgebaut werden.

Seither haben wir alle zwei bis vier Wochen an einem anderen Ort in den Bergen verbracht. Immer nur mit so viel Gepäck, wie wir selber tragen konnten, da wir ohne Auto und daher nur mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs waren.
Wir verbrachten viel Zeit als Familie, gönnten uns aber auch selbst viel Freizeit. Mein Mann nutzte die Zeit neben der Arbeit für Weiterbildungen, Joggen und Ideen entwickeln. Ich verbrachte fast jede meiner freien Minuten beim Wandern. Endlich konnte ich meine Gedanken wieder hören und – wenn ich darauf keine Lust mehr hatte – endlos Podcasts reinziehen.

Obwohl die Grenzen zwischenzeitlich wieder offener waren, bleibt Australien immer noch ganz weit weg und unsere Welt ist irgendwie kleiner geworden.
War eine unserer Ideen für dieses Familienjahr gewesen, herauzufinden, ob wir für länger im Ausland leben möchten, ist es nun gerade eher: Welcher Ort oder welches Gebiet in der Schweiz könnten wir uns als zukünftigen Wohnort vorstellen?

Schweizer Berge statt Ayers Rock. Doch die Natur ist auch in der Schweiz grossartig.

Und doch waren die letzten vier Monate fantastisch. Klar, wir hatten es uns anders vorgestellt. Ja, der Alltag mit zwei kleinen Kindern hat überall seine Herausforderungen. So ist ein Familienjahr auch nicht mit Ferien zu verwechseln. Aber wir hatten endlich die Zeit als Familie, die wir uns für unser Jahr immer gewünscht hatten.

Eigentlich ist es ganz egal, wo man Zeit als Familie verbringt. Wichtig ist, dass man die Zeit hat.

Für mich ist es daher, ungeachtet der Lage das Beste, was man als junge Familie machen kann. Um eine Kind grosszuziehen braucht es ein ganzes Dorf, heisst es. Dies haben wir beim ersten Kind im Ansatz und beim zweiten Kind in der vollen Bandbreite gespürt. Auf dieses Dorf können wir im Alltag leider nicht zurückgreifen, unsere Verwandten wohnen zu weit weg.

Zumindest für ein Jahr können wir beide als Eltern aber gemeinsam diese grosse Aufgabe bewältigen. Und so wollen wir auch noch eine ganze Weile unterwegs sein. Bisher waren wir in den Bergen in der Schweiz und in Frankreich. In den nächsten Monaten werden wir mit einem Mietauto probieren die umliegenden Länder zu bereisen. Ob wir in absehbarer Zeit wieder in ein Flugzeug steigen werden und ob es vielleicht doch noch klappt mit Australien, steht in den Sternen. Ist aber wie gesagt auch gar nicht so wichtig.

Gislers ungewöhnliche Reisejahr während Corona ist noch lange nicht vorbei. Aktuell befinden sie sich (nicht wie hier auf dem Bild) auf den Kanaren.

UPDATE
Seit dem Schreiben des letzten Satzes sind drei Monate vergangen. Nach einem Zwischenstopp in der Einliegerwohnung meiner Mutter im Südschwarzwald starteten wir Richtung Italien mit der Idee, dort sicher drei Monate zu verbringen.

Wenige Wochen zuvor wollte ich nicht einmal durch Italien fahren, nun war es das sicherste Land.

Wir verbrachten einen Monat am Meer in Ligurien. Erlebten mit, wie die Schweizer die Region verliessen, da das Gebiet auf die Liste kam.

Weiter ging es in die Toskana und die Insel Elba, mein absolutes Highlight der bisherigen Reise. Ich hätte noch einige Wochen mehr dort verbringen können, aber die Zahlen stiegen überall explosionsartig und es fühlte sich an wie ein Rennen gegen die Zeit. Wir wollten so gerne einige Monate auf den Kanaren zu verbringen.

So fuhren wir unter Hochspannung bereits nach 1,5 Monaten in Italien wieder Richtung Norden und es klappte tatsächlich, wir konnten auf die Kanaren fliegen. Hier bleiben wir sicher über den ganzen Winter.

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