Evelyne, wie geht es dir?

«Wie geht es dir?»

Aktuell habe ich wenig Lust, diese Frage zu beantworten. Und wenn sie mir gestellt wird, speise ich die fragende Person meist mit einer Standardantwort ab:

«Danke, es ist grad streng, die Kinder sind in einem saftigen Alter.»
«Die Nächte sind kurz, ich bin müde. Aber ansonsten läuft es. Merci.»

Dabei freundlich lächeln und sofort nachfragen: «Und bei dir? Wie läuft’s?»
Nach dem kurzen Austausch von banalen Informationen ein schnelles «Also, ich muss weiter. Tschüüss!»

Durchaus praktisch, dieser Smalltalk. Und ja auch ganz passend für spontane Begegnungen mit Menschen, die mir nicht wirklich nahe stehen. Da tun wir es doch alle. Lächeln und winken.

Zwischen Tür und Angel wäre ja auch kaum der richtige Ort, um mit dem herauszuplatzen, was wirklich in mir brodelt.

Mit diesem Sturm an Gefühlen der mich manchmal ganz unerwartet heimsucht und mit seiner Intensität überfordert.

Überfordert. Ja das beschreibt meinen aktuellen Gefühlszustand ganz gut.
Ich bin überfordert – mit all den Fragen und Diskussionen die aufkommen während einer weltweiten Pandemie.

Überfordert damit, machtlos zuschauen zu müssen, wie sich die Gesellschaft spaltet und die Fronten sich verhärten.

Überfordert, wie ich meinen Kindern erklären soll, warum ich häufig so emotional bin und in belanglosen Situationen überreagiere: Wenn die Tasse Milch beim Frühstück umkippt und sich der gesamte Inhalt über den Esstisch entleert und der Sohnemann daraufhin einen Schreianfall hat. Wenn die Kinder streiten und sich gegenseitig Fluchworte an den Kopf schmeissen. Wenn mein Essen einmal mehr verschmäht wird und ich ein «Wäh, das isch gruuusig» ernte.

Dann möchte ich manchmal plötzlich weinen oder schreien. Oder beides gleichzeitig. Weil es in diesem Moment einfach zu viel ist. Zuviel Stress. Zuviel Negativität. Zuviel Überforderung.

Und über diese Überforderung legt sich aktuell eine ganz grosse Müdigkeit.
Eine Müdigkeit, für die ausnahmsweise nicht die Kinder verantwortlich sind. Und gegen die kein noch so starker Kaffee etwas ausrichten kann.

Ich bin so müde. Müde, andauernd mit Meinungen anderer konfrontiert zu werden. Auf dem Spielplatz, beim Warten an der Kasse, in den sozialen Medien. Die Meinungen prasseln auf mich ein. Ungefragt, häufig undifferenziert.

Ich bin müde, mich auf eine Seite stellen zu müssen.
Die der Geimpften oder der Ungeimpften.

Müde abwägen zu müssen, bei wem ich was sagen darf.

Ich kann’s nicht mehr hören.
Will’s nicht mehr hören.
Will mich auf keine Seite stellen.

Denn ich stehe mittendrinn und weiss so häufig ja selber nicht, was «das Richtige» ist.

Die richtigen Massnahmen gegen die Pandemie, die richtigen Worte in einer hitzigen Diskussion, die richtigen Entscheidungen.

Und während ich diese Zeilen schreibe, fällt mir plötzlich ein was ich ganz persönlich tun kann. Was «das Richtige» in dieser verwirrenden und überfordernden Zeit ist:

Liebe schenken. So kitschig es auch klingen mag.

Doch es ist womöglich das Einzige, was ich trotz all meiner Überforderung tun kann.
Lieben.

Und am einfachsten und doch wirkungsvollsten ist es wohl, wenn ich direkt vor meinen Füssen damit anfange. In meiner kleinen Welt: Beim Kind, das wegen der umgekippten Milch tobt. Das mein Essen nicht mag und mich dies lauthals wissen lässt. Bei meiner «Gang», die mich in meinen emotionalsten Momenten aushalten muss und meine Überforderung so häufig hautnah erlebt.

Lieben, trösten, zuhören, umarmen.

Die ganze Welt kann ich damit wohl nicht verändern. Aber wer weiss. Vielleicht schwappt ja von dieser Liebe, die ich tagtäglich an meine Kinder weitergebe, auch etwas über unseren Tellerrand: Zu den Nachbarn. Den Freunden im Kindergarten. Den Fremden an der Migros Kasse.

Und vielleicht kann diese Liebe ein kleines bisschen etwas dazu beitragen, den Graben in der Gesellschaft wieder zu schliessen. Die Fronten weicher zu machen.
Die Hoffnung ist da.

Und während ich darüber nachdenke, was meine kleinen Liebestaten im Grossen bewirken könnten, legt sich die Überforderung ein wenig. In meinen Gedanken kehrt Ruhe ein und ich weiss:

Ich muss nicht einfach tatenlos sein. Ich kann etwas tun. Wenigstens in meiner kleinen Welt.

«Wie geht`s?»
Stellst du mir diese Frage dann, wenn ich meine Kinder im Arm halte und sie mit Liebe überschütte, ist die Antwort eigentlich ganz simpel:
«Jetzt, in diesem kurzen Moment, gerade sehr gut. Danke.»

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