Die grossen Fragen

Wie tief das Menschsein geht, spürt man dann, wenn Kinder Fragen stellen, auf die es keine Antworten gibt. Zumindest keine richtigen. Keine finalen. Keine einfachen wie «Weil du sonst hinfällst».

Obwohl ich diese Fragen zwar beantworte oder offen lasse, mitdenke und mittrage, habe ich das, was sie mit mir machen und was die Hilflosigkeit meines Kindes mit mir macht, nicht an mich heran gelassen. Bis zu jenem Abend, als ich begonnen habe, darüber zu schreiben.

Sterben und Glück

Wenn du weinst, weil du verstehst, dass du sterben wirst. Irgendwann. Du fragst, ob es einen Gott gibt. Wenn ja, welchen. Du nicht mehr leben möchtest. Weil hier alles zu gross ist und gleichzeitig zu wenig. Du die Essenz erfassen willst, sie dir durch Gedanken und Gefühle gleitet, entgleitet und was von ihr übrig bleibt, nur die Ahnung ist.
Wenn dein Körper dich einengt. Das Licht zu hell, die Luft zu warm.
Wenn du «nach Hause» willst, aber doch bereits in deinem Bett liegst.

Dann lässt du den Schmerz des Menschseins wieder aufleben, den ich tief vergraben hatte.

Weil die Antworten auf deine Fragen schwer sind wie die grossen Steine am Fluss. Über die das Wasser streichelt, sie sanft macht und einbettet.
Zugleich leicht sind wie Federn, sich im Wind drehen und wirbeln, verheddern und verbiegen.

Also schweige ich. Streichle nur sanft dein Haar. Welches lustig durch meine Finger hüpft, während darunter alle Ängste der Welt wabern. Deine Stirn sich in Sorgen faltet und das, obwohl sich doch Lachen in deine Wangen graben sollte.

Was wünschte ich dir Leichtigkeit. Noch ein bisschen mehr Zeit ohne zu fühlen, wie Menschsein ist. Ohne die Ahnung von Endlichkeit. Ohne die Last, die sich langsam auf deinen Schultern niederlässt, wie sie’s bei allen tut. Früher oder später.

«Wo wäre ich wohl, wenn ich nicht zur Welt gekommen wäre?», willst du wissen. Und ich frage mich, wie ich schon so viele Jahre ausgehalten habe, die Antworten auf diese Fragen nicht zu kennen, eine Ahnung zu haben vielleicht, aber nie die Gewissheit. Wie ich damit lebe, dass mein Zuhause sich nie wie der Ort anfühlt, an dem ich werde bleiben können. Für immer. Wie ich damit lebe, dass überall Enden sind. Mich trotzdem wieder über Anfänge freue. Mich verabschiede, jeden Tag von dem, was nie mehr sein wird. Mein Herz trotzdem leicht ist, manchmal.

«Ich will sterben», sagst du, «damit ich sicher weiss, was nach dem Tod kommt.» Du. Das Kind, das es nicht aushält, nicht zu wissen, was wir morgen machen. Das den Alltag in kleine Einheiten unterteilt, um das Gefühl zu haben, dass er machbar ist. Lebbar ist. Sieht sich konfrontiert mit einer unendlichen Endlichkeit. Das ist zu gross. Zu viel. Zu lange.

Es ist schon spät. Doch die Zeit ist deinen Fragen egal. Wie Luftblasen quellen sie an die Oberfläche und sprudeln vom Mondlicht beschienen aus deinem Mund. Während die Schatten unter deinen Augen dunkler, deine Haut blasser wird.

«Mama, wie alt werde ich wohl?», fragst du mich nach einer Weile. Möchtest eine Zahl, eine Schätzung. Und eigentlich willst du gar nicht alt werden – nicht ohne mich. Genauso wie auch ich nicht ohne dich alt werden möchte.

Und obwohl ich die Spannung lösen, dir den Weg unter den Füssen leicht machen, dich darauf hüpfen sehen will. Ist die Wahrheit über das Leben das Sterben. Ist die Endlichkeit das, was die Zeit mit dir kostbar macht.

«Wie alt werde ich wohl?», fragst du mich und ich nenne eine blöde Zahl oder zwei oder drei.

Dann liegen wir beide. Still. Warten auf den Schlaf. Darauf, dass deine Seele Ruhe findet. Sich hingeben kann dem Leben, dem Sterben, dem Lieben und dem Sein.

Und ich halte sie, deine zarte Seele. So gut ich kann. Halte dich. Während mir die Zeit den Atem abschnürt. Die Uferlosigkeit mich erdrückt und der Gedanke, dass das hier nur ein Moment ist. Du. Ich. Wir beide. Unwirklich. Undenkbar. Untragbar. Wahr.

Darum bleibe ich. Auch als deine Atemzüge ruhig sind und tief. Dein Gesicht weich und glücklich. Darauf Sommersprossen wie der Sternenhimmel. Ich bleibe und würde für immer neben dir liegen. Ganz sicher aber einen Moment noch. Oder zwei.

Wie alt wirst du wohl? Frage ich mich. Und flüstere, was ich dir von Herzen wünsche: «So alt, wie du glücklich bleibst».

 

Diesen Text habe ich erstmals auf www.instagram.com/nadine.chaignat veröffentlicht.

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