Der letzte erste Schultag

Gleich zwei Meilensteine stehen in meiner Mütterkarriere an:
1. Meine Grösste feiert ihren 10. Geburtstag und betritt somit die «Teen»-Sphäre
2. Meine Kleinste startet mit dem Kindergarten und beendet damit offiziell ihr Dasein als Kleinkind

Diese beiden Grossereignisse kombiniert bringen selbst einen emotionalen Eisblock wie mich ein klein wenig aus der Fassung.

Als K2 vor ein paar Jahren ihren ersten Kindergartentag hatte, war da eine Mutter, die sich still ein paar Tränchen abwischte, nachdem sie sich von ihrem (letzten) Kind im Kindergarten verabschiedet hatte. Ich, mit einem Baby auf dem Arm, einem Kleinkind an der Hand und einem Haus, bei dem man dort, wo man nicht auf Spielzeug stand, garantiert an etwas kleben blieb, konnte diese Tränen nicht ganz nachvollziehen. Schien mir dieser Moment, an dem alle Kinder zur Schule gehen, erstrebenswert. Er markierte für mich innerlich einen Zeitpunkt, an dem man festmachen konnte, dass man erstmals wieder aus dem Gröbsten raus ist.

Et voilà! Hier bin ich. Jahre später. An ihrer Stelle.

Meine Wasserschleusen so weit offen, dass ich auf ein Sponsoring von Kleenex warte.

Letzthin brach ich sogar vor dem Windelregal eines Grossverteilers beinahe in Tränen aus. Unserer Jüngsten passiert ab und zu noch ein Malheur in der Nacht und ich überlegte mir, ob ich jetzt noch die aller-, aller-, allerletzte Packung Windeln in unserer langen Windellaufbahn kaufen soll. Die Vernunft sagte in aller Deutlichkeit: «Nein, K4 schafft das. Du bist diese stinkenden Dinger jetzt ein für alle Mal los.» Meine Emotionen stichelten gleich hinterher:

«Ha! K4 ist bereit die Windeln loszulassen, aber bist du es auch?»

Das genügte, um meine Augen einzuwässern.

Es sind ja nicht einfach die Windeln, die ich nicht mehr kaufe. Es ist die Lebensphase, die mich die letzten ZEHN Jahre bestimmt hat. Und die mit dem Kindergarteneintritt heute abrupt beendet wird.

Schleichend und im Rückblick doch rasant schnell ging sie vorbei, diese Kleinkindphase. Sie hat mir vieles abverlangt. Mich fertig gemacht. Mir gleichzeitig aber auch gezeigt, wie wertvoll es ist, wenn man sich an alltäglichen und kleinen Dingen ausgelassen freuen kann. Wie einfach es sich ohne Schamgefühl lebt.

Wie oft habe ich mir gewünscht, diese Phase wäre vorüber. Nicht wegen der Kinder. Die sind super. Sondern deshalb, weil ich mich nach mehr Selbstbestimmung sehnte. Zeit für mich brauche. Und ganz gerne auch mal Ruhe und Ordnung hätte. Und jetzt hadere genau ich, selbsternannte «Miss-ich-freu-mich-so-wenn-die-Kinder-grösser-und-selbstständiger-sind-und-ich-wieder-mehr-Zeit-für-mich-habe» damit, dass mein grosser Wunsch in Erfüllung geht.

Ich werde sentimental und denke zurück. Eben noch sass ich doch mit meinem
neugeborenen K1 das erste Mal daheim auf dem Sofa, geflasht darüber, dass der weibliche Körper fähig ist, so ein Wunder (und andere Dinge) aus sich herauszupressen.

Mein Fokus wechselten schlagartig von Deadlines, die im Büro eingehalten werden mussten zu «welche Brust ist jetzt dran mit stillen?»

Ich fühlte mich glücklich, beschenkt und überfordert zugleich. Konnte in einem Moment Bäume ausreissen vor Dankbarkeit und Freude und sie im nächsten Moment wieder fallen lassen vor Müdigkeit und Unsicherheit. Aber immer wieder überwiegte das Staunen über das kleine Bündel, das mir und meinem Mann anvertraut wurde.

Ich spürte aber auch die grosse Verantwortung, die so ein kleines Geschöpf mit sich bringt. Die Verantwortung, «es» gut und richtig zu machen. Ihm genügend Liebe zu geben. Geborgenheit. Sicherheit. Stabilität. Möglichkeiten.
Verbunden auch mit einer gewissen Unsicherheit: Reicht es? Habe ich in all meiner Unperfektheit das Zeug dazu, diese Verantwortung zu tragen? Auch dann, wenn ich unter Schlafmangel leide und nicht lehrbuchmässig reagiere. Dann, wenn ich eigentlich grad mal eine Pause bräuchte und für ein paar Tage fliehen möchte an einen Ort ohne Kinder. Dann, wenn das Kind kränkelt und ich einfach nicht einordnen kann, was los ist. Dann, wenn ich all die Mami-Talks satt habe und einfach mal wieder als Frau wahrgenommen werden möchte. Dann, wenn das Kind eine Woche nicht gebadet wurde, weil einfach zu viel los war. Die Wohnung zeitgleich im Chaos versinkt. Dann, wenn sich das Kind im Sandkasten eine Weinbergschnecke in den Mund steckt und ihr den Kopf abbeisst, weil ich mal wieder nicht hingeschaut habe. Aber auch dann, wenn ich mein Kind entwurzle und in einen anderen Kanton ziehe. Weg von allem Vertrauten und Freunden. Und es eingeschult wird an einem Ort, an dem es niemanden kennt. Wenn ich es als Konsequenz davon tagelang weinend in den Kindergarten trage und mich frage:

Schaffen wir das? Bin ich eine gute Mutter? Treffe ich die richtigen Entscheidungen für meine Kinder? Für uns als Familie? Mute ich ihnen zu viel zu?

Im nächsten Moment denke an die kleinen Füsse, die erste Schritte wagten. Den Duft im Kinderzimmer, wo ich Nächte lang versuchte, das Kind in den Schlaf zu wiegen. An erste Worte, deren Sinn man sich zusammenreimen musste und an die lustigen Wortkreationen. An all die schönen Erlebnisse und Momente, die sich tief ins Herz eingebrannt haben.

Und jetzt, scheinbar plötzlich, wird dieses Kind, das mich zur Mami gemacht hat, zehn Jahre alt. Ist Schülerin der 4. Klasse. Steht im Leben, hat eine eigene Meinung, eigene Ideen, ist kreativ und hat ihren Platz vorerst gefunden.

Da ist sie wieder: Die Dankbarkeit. Und die wertvolle Erfahrung, dass ich nicht in jedem Moment alles im Griff haben muss. Dass ich vertrauen darf.
Und das tiefe Gefühl von «Es ist ok.»

Es ist ok, dass die Windeln nun passé sind. Dass K4 nun auch schon in den Kindergarten kommt und ich die Vormittage für mich gestalten, mir mehr Freiheiten herausnehmen kann. Einen Tag in der Woche wieder arbeiten gehen werde. Es ist ok, dass ich eine 10-jährige Tochter habe. Dass nun alle vier Kinder schulpflichtig sind und ich sie Stück für Stück loslassen muss. In eine Welt, in der auch andere sie prägen und beeinflussen. In der
sie sich nicht immer im sicheren Hafen unserer Familie befinden und Dingen ausgesetzt sind, die ich nicht nur toll finde.

Es ist ok, dass ich mich auf meine neuen Möglichkeiten und Freiheiten freue. Aber es ist ebenso ok, vor dem Windelregal sentimental zu werden.

Sich an Vergangenem zu freuen. Nicht genau zu wissen, wie etwas werden wird. Unsicherheiten auszuhalten.

Mit dieser Haltung möchte ich in die nächste aufregende Lebensphase starten. Mit Gelassenheit, Dankbarkeit und Freude. Und ein paar Tränchen. Vertrauend darauf, dass es gut kommt. Dass ich genug bin. Und dass alles seine Zeit hat.

Bild: Plush Design Studio

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