Covid positiv: Krank und keiner kann helfen

Lockdown in extremis» – in dieser Serie erzählen drei Menschen, wie sie die Lockdown-Zeit erlebt haben. Was die drei gemeinsam haben: Sie sind anders als ‘normale Durchschnittseltern’ von Corona und den daraus resultierenden Massnahmen betroffen. Gefässchirurgin Aita (34) ist Mama von zwei kleinen Buben (3, 1) und startet mit der Schockdiagnose «Covid positiv» in den Lockdown. 

Im normalen Leben ist sie zweifach-Mama, verheiratet und als Chirurgin tätig. Im Lockdown ist sie nur noch eines: Knocked down.

Mit Mundschutz und Desinfektionsmittel an den Händen gehe ich den kurzen Weg zum Briefkasten. Der aktuell einzige ‘Aussenkontakt’. Aus etwas Distanz steht da der fünfjährige Nachbarsjunge. «Gell, ihr habt alle Corona?», fragt er. Mir wird klar, dass das wahrscheinlich so ziemlich jeder hier im Quartier wissen muss.

Wir haben Corona. Mein Mann und ich.

Covid positiv. Oh Gott, so peinlich, es hat uns erwischt.

Ein wenig schämt man sich dafür. So viele Massnahmen, man hat sich an alles gehalten. Aber wahrscheinlich denken alle, wir hätten nicht genug gut aufgepasst.

Doch das ist mir bald mal egal. Es geht uns zu dem Zeitpunkt hundeelend.

Wir sind in Quarantäne. Gemeinsam mit unseren zwei Jungs (3 und 1). Und wir streiten uns vor allem darum, wer die Kinder beschäftigen und versorgen muss, und wer sich hinlegen darf.

Begonnen hat alles an einem Sonntag Abend. Mein Mann hat Schüttelfrost und hohes Fieber. «Covid, es muss Covid sein», denke ich. Denkt er. Und weiter: Hoffentlich kriege ich es nicht sofort. Für mich stand schon da fest, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis ich auch krank werde. Wir arbeiten beide in medizinischen Berufen. Er ist Rettungssanitäter, ich bin Chirurgin. Meine ersten Gedanken drehten sich vor allem um praktische Dinge.

«Oh nein, wie lange reicht die Milch im Kühlschrank noch? Was mache ich mit meinen Terminen? Wann muss jemand einkaufen? Wen fragen wir?»

Das Virus beschäftigte mich nicht erst mit dem Lockdown. Bereits vorher habe ich mich intensiv mit anderen Ärzten ausgetauscht, die Lage in Italien beobachtet und meine hauptsächlichen Ängste waren nicht primär die Angst vor der Ansteckung.

Ich machte mir vielmehr Sorgen um meine berufliche Situation.

Weil die Lage in Italien so prekär war, wurden jegliche Ärzte auf die Intensivstation beordert. Ich stellte mir vor, dass mir das auch passieren würde. Dass ich Verantwortung für Menschenleben tragen müsse, ohne die dazu notwendige Fachkompetenz. Oder entscheiden, wer beatmet würde und wer nicht. Was, wenn alle Kaderärzte der Gefässchirurgie gleichzeitig krank würden und ich – noch in der Ausbildung zur Gefässchirurgin – als einzige Notfall-Operationen durchführen müsste, für die ich noch nicht genügend ausgebildet wäre?

Als die telefonische Bestätigung kam, dass mein Mann sich tatsächlich mit Covid infiziert hatte, war ich viel ruhiger. Wir sind beide keine Risikopatienten.

Ich ging davon aus, dass die Krankheit bei uns im Rahmen verläuft, ich bin eher optimistisch-naiv.

Kurz nach diesem Telefongespräch – ich fühlte mich noch total fit – begann es. Aus Neugier habe ich mir alle fünfzehn Minuten Fieber gemessen und gesehen, wie die Temperatur «tack, tack, tack» angestiegen ist. Das macht schon was mit einem.

Ich fühlte mich elend und schwindlig.

Super, jetzt würden wir doch beide krank. In Quarantäne als ganze Familie. Und keiner, der uns helfen kann.

Natürlich machte ich mir Sorgen um meine Kinder. In der Nacht habe ich immer extra hingehört, wie sie atmen. Aber spezifische Symptome habe ich bei ihnen keine bemerkt. Manchmal hätte ich mir in dieser Zeit gewünscht, sie wären auch ein bisschen krank. Würden sich hinlegen. Wenn sie so quietschfidel herumgesprungen sind und man selbst nur noch ins Bett wollte.

«Ganz zu schweigen davon, dass da noch zwei Kinder waren, die wir versorgen mussten.»

Dieses Eingesperrtsein als Familie war für mich sehr anstrengend.
Mein Mann und ich lagen halblebig herum. Stritten uns, wem es schlechter geht und wer jetzt ins Bett darf.

Sätze fielen wie «Ich bin ärmer als du» oder «Mir geht es schlechter».

Ganz zu schweigen davon, dass da noch zwei Kinder waren, die wir versorgen mussten.

Bald einmal haben wir deshalb unseren Paarcoach kontaktiert und einige wertvolle Inputs erhalten. Wie: Konventionelle Regeln für diese Zeit über den Haufen werfen – statt als Familie soll sich doch nur einer mit den Kindern an den Tisch setzen. Überhaupt, am besten gleich fix abmachen, wer sich ausruht und wer den Kindern schaut.

Zwei Stunden Füsse hochlagern, bevor die nächste Babysitting-Schicht beginnt.

Wir haben vereinbart, dass sich immer jemand während zwei Stunden im Schlafzimmer einschliessen darf und der andere in der Zeit die Kinder versorgt. Diese zwei Stunden, in denen ich nicht im Schlafzimmer war, – ich war danach fixfertig. Ich habe es fast nicht geschafft, auf die zwei aufzupassen. Habe den Grossen vor Netflix geparkt, Facetime mit meinen Eltern organisiert. Alles gemacht, was half.

Egal, wie viel Schokolade er wollte, er durfte.

Ich konnte kaum mehr kochen, musste den Kindern aber trotzdem fünfmal am Tag was auf den Tisch stellen. Ich hatte den Geruchssinn total verloren. Weil ich bereits im Vorfeld wusste, dass das Covidpatienten passieren kann, habe jeden Tag an einem Dösli Vanillepulver gerochen. Und irgendwann gemerkt:

Scheisse, jetzt rieche ich wirklich gar nichts mehr.

Der Mann auch nicht. Auch keine vollen Windeln – wie wir feststellten und einen regelmässigen Windelcheck einführen mussten. Oder Essensreste im Kühlschrank – wir wussten jeweils nicht: Ist die abgelaufene Milch doch noch geniessbar oder nicht?

An einem Abend war es mir dermassen schwindlig, dass ich befürchtete, dass dies die zweite Welle der Krankheit wäre.

Ich dachte nur «Oh Gott, nein, das bedeutet Intensivstation!».

Bis ich realisierte, dass ich den ganzen Tag nichts gegessen und kaum etwas getrunken habe.

Der Verlauf von Covid bei mir war schleppend.

Es ging mir von Tag zu Tag immer noch ein wenig schlechter. Wie sehr sich gerade meine Mama sorgte, merkte ich erst, als ich ihr endlich schreiben konnte: «Heute geht es mir ein bisschen besser.»

Der erste Geburtstag unseres Jüngsten fiel genau in diese Zeit. Unter anderen Umständen wäre es wohl eine Strebertorte geworden – erster Geburtstag, das muss man feiern. So war ich nur froh, war der Grosse beschäftigt. Der Kuchen wurde entsprechend mit groben Bitzen Marzipan dekoriert. #atimetoremember.

Geburtstagskuchen im Corona-Stil. Mit viel Liebe dekoriert vom grossen Bruder.

Wir haben die Wunderkerzen darauf angezündet. Und es war egal, dass nur wir zusammen gefeiert haben. Nicht ‘nur’ wir, sondern: Wir! Als Familie.

Der Geburtstag war vorbei, Covid blieb. Das krasseste Gefühl war nicht, dass es mir körperlich schlecht ging, sondern dass wir so alleine waren.

Ohne Lockdown hätte man womöglich jemanden gehabt, der mit den Kindern kurz spazieren geht. So mussten wir alles selber machen. Auch als der Kleine genau in dieser Zeit Neurodermitis kriegte. Wie sollen wir jetzt an die richtigen Medikamente kommen?

Chaos statt Brotbacken. Sind die Eltern im Lockdown krank, geht es nur um eines: Überleben, egal wie.

Schlussendlich wusste die ganze Nachbarschaft über unsere Situation Bescheid. Jedesmal, wenn jemand einkaufen ging, haben sie uns ein Whatsapp geschrieben, ob wir was benötigen. Diese Solidarität war schon sehr cool. Oder die einen Nachbarn – bereits über 90 Jahre alt – haben uns ein Osternestchen über den Gartenhaag gereicht. Alle waren so hilfsbereit und positiv.

Das ist so schön, man kommt sich so aussätzig vor und es tut gut, wenn andere so mit dir umgehen, wie wenn du das eben nicht wärst.

Nach gut zwei Wochen haben wir unsere Isolation beenden dürfen. Als mein Mann mit dem Fahrradanhänger in die Stadt gefahren ist und irgendetwas Banales machen musste – einen Brief einwerfen – da hat der Grosse hinten im Anhänger gejubelt vor Freude. Mir ging es ähnlich beim ersten Mal wieder Arbeiten.

Doch Covid ist nicht einfach vorbei.

Nach wie vor habe ich Kopf- und Rückenschmerzen und seit Ausbruch der Krankheit noch keinen Tag ohne Schmerzmittel geschafft. Das ist einschränkend. Auch mein Geruchssinn ist noch immer reduziert. Das stresst einen mehr als man denkt. Was, wenn ich am Arbeiten bin und total stinke? Mega unangenehm.

Kürzlich ging ich erstmals wieder joggen seit ich krank war. Und bin unterwegs vor lauter Husten fast erstickt. Das ist schon etwas unheimlich.

Aber ich bin dankbar, haben wir unseren Alltag zurück. Ich bin stolz auf meinen Mann und mich. Wir sind super, wir haben das mega gut gemeistert.

Und einen kleinen Sieg tragen wir davon. Angesteckt hat sich mein Mann bei einem Arbeitskollegen, mit dem er einen Tag lang als Rettungssanitäter unterwegs war. Trotz Maskenpflicht und allen Vorsichtsmassnahmen. Wir haben dann zurück gerechnet, ob wir möglicherweise weitere Personen infiziert können – und gemerkt, dass wir mit niemandem  in Berührung gekommen sind. Das war schon noch ein cooles Gefühl, zu wissen, wir haben die Kette unterbrochen.

 

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Ein Kommentar zu “Covid positiv: Krank und keiner kann helfen

  1. Liebe Aita, ich bin so stolz auf Dich, auf Euch alle. Was Ihr durchgemacht habt, das ist so beeindruckend zu lesen. Ich bin einfach so froh, geht es Euch wieder gut. Eine riesige Umarmung!

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