Coronik Woche III – Nadines Durchhänger

Die Kurve flacht ab. Nicht die Corona-Kurve. Die befindet sich nach wie vor im steigenden Modus. Ich spreche von meiner Motivationskurve.

Nach zwei Wochen Überlebensmodus hat sich das Adrenalin-Level etwas beruhigt. Und weicht einem beklemmenden Gefühl. Der Gewissheit nämlich, dass dieser Ausnahmezustand der neue Normalzustand ist.

Dieses Leben, in das wir alle katapultiert wurden, ohne es zu wollen, wird uns länger erhalten bleiben, als uns lieb ist.

Ich war mir bewusst, dass der Koller kommt. Muss ja.

Trotzdem hätte auch er sich ans Social Distancing halten und bitzli Abstand einnehmen können.

Zudem gibt es eigentlich vieles, was ich an meinem neuen Leben mag.
Nicht jetzt, weil ich alles schönschreiben möchte. Aber wenn ich darüber nachdenke, sehe ich so viel Gutes.

Ich mag das entspannte Aufstehen. Insofern man mit Kindern entspannt aufstehen kann. Aber deutlich entspannter, als wenn man am Morgen einen Termin hat.

Ich mag den ausbleibenden Druck, stets irgendwo hin gehen zu müssen. Selbst wenn man eigentlich gerne gehen würde.

Vier Kinder mit unterschiedlichen Tagesrhythmen aus dem Haus und irgendwo hin zu bringen. Das ist ein Ding. Sie dann zeitlich optimal wieder zurück zu Hause zu haben, das andere. Denn egal, wie bisher das Timing war. Es war immer unpassend. Und immer stressig. Kaum zuhause, hätte das Znacht schon gegessen sein sollen. Die Kinder entsprechend grantig, ich auch. Der Mann ausgerechnet dann noch an einer Sitzung.

Ich mag das Wetter. Den Garten. Die Häufung unserer Waldbesuche. Ich mag das Alleinesein. Ich mag meine Kinder. Ihren Humor.

Und gleichzeitig ist das Auf-sich-selbst-zurückgeworfen-sein der Ort, an dem momentan der Koller sitzt.

Ich bin gefühlt umfassend für alles zuständig.

Schlicht dieser Fakt tönt bereits wie ein 200%-Jobbeschrieb. Ist es in der Tat auch. Und ebenso ist es eine Tatsache, dass ich daran scheitere.

Mit exakt diesem Scheitern kann ich ganz schlecht umgehen.

Es beginnt damit, dass das Frühstück zu spät für meinen Geschmack und die Laune der Kinder auf dem Tisch steht. Geht damit weiter, dass ich nonstop das Gefühl habe, irgend ein Kind zu vernachlässigen, obwohl ich ebenso nonstop in steter Interaktion mit allen Kindern bin.

Ich bin eine schlechte Homeschool-Lehrerin, obwohl Homeschoolen bereits vor Corona zu unserem Dasein gehörte. Ich bin eine schlechte Köchin, noch nie sind mir so regelmässig einfachste Gerichte abverheit. Schwarz angebraten, schlecht abgeschmeckt. Unausgewogen. Ich habe einen Kartoffelvorrat, mit dem ich Felder bepflanzen könnte. Dafür fehlen mir Karotten und andere Gemüsevariationen. Gefühlt essen wir immer dasselbe.

Meine Putzfähigkeiten sind in der Ermangelung an Zeit dem beiläufigen Abwischen gewichen. Ich hasse die Klos, an denen ich stets Überreste eingetrockneten Bolus’ putzen muss, und die irgendwie immer dreckig sind. Genau wie die Küche auch. Und egal wie häufig ich staubsauge, eine Stunde später sieht es wieder so aus wie vorher.

Ich mag nicht nonstop mit dem Zweijährigen diskutieren. Ob es jetzt Sinn macht, einen Esslatz anzuziehen, wenn man wie ein Zweijähriger Tomatensauce isst. Oder ob es klug ist, die Bauwerke des grossen Bruders mutwillig zu zerstören. Also schnauze ich ihn an. Er haut mich. Ginggt mich. Kratzt mich. Und macht mich damit so rasend, dass ich ihn Wrestling-mässig hochheben und in die Seile werfen könnte. Damit ihm endlich klar wird, dass meine Grenzen bereits massiv überschritten worden sind. Doch egal, welche (akzeptablen!) Versuche ich unternehme, nichts kommt bei ihm an. Bis dann, ein, zwei Minuten später, das Blatt sich wieder wendet und er nur noch Kuscheln möchte.

Diese zwei Minuten aushalten, die Grenzüberschreitungen ertragen, zu fühlen, was sie mit mir machen – ich hasse dieses Monster in mir.

Ich ärgere mich über Dinge, die andere Mütter lustig fänden. Zum Beispiel einem Lavabo mit Schaumberg, der sich wie ein Vulkan über Badezimmerspiegel und -möbel ergossen hat. Plus das Kind daneben mit klatschnassen Schaumhaaren, über beide Ohren grinsend und fröhlich. Ich sehe den humorvollen Aspekt, bloss klingt da bei mir so gar nichts an, was ich lustig finde. Ich sehe nur die Zeit. Die ich brauche, um den Ursprungszustand wieder her zu stellen. Während daneben eine weitere Bombe explodiert. Das Baby Hunger hätte, die Wäsche in der Maschine liegen bleibt.

Dann sehe ich online all die Bastelergebnisse, die kleinen Kinder, die zeichnen, rechnen, schreiben, turnen, bauen, was auch immer. Und ich sehe immer nur eines:

Die machen das besser als meine Kinder.

Ich bin frustriert.

Weil vieles in dieser Beengtheit mich spiegelt.

Verrückterweise spiegelt alles mein Versagen.

Da ist kein Spiegel, der sich vor meine Nase drückt und sagt: DAS machst du aber gut.

Da ist so viel Anklage.

So vieles, was ich im Griff haben sollte und nicht kann.

Dieser Text dient meiner Katharsis. Und hoffentlich eurer.

Schon nur zu erkennen, wie unausgewogen die Spiegelung ist, hilft, Dinge ins rechte Licht zu rücken.

Dass da nämlich ganz viel Gutes ist. Ganz vieles, was mir gelingt. Meine Kinder sind gut versorgt. Mit Liebe, mit Aufmerksamkeit, mit Dingen, die sie beleben, sie fördern, mit Wärme, mit Essen, mit Fürsorge, mit Kuscheln, mit Gedanken, die ich mir mache über sie. Sie bauen kreative Kunstwerke, sie klettern, hüpfen, schauen Bilderbücher an, hören Hörspiele, spielen Detektivbüro. Mein Haushalt sieht gut aus. Egal, wie viele einzelne Dinge mir sagen, dass sie nun wirklich nicht da hin gehören, wo sie gerade liegen. Mein Haushalt ist insgesamt sehr ok. Ich arbeite, obwohl ich Haushalt und Kinder gleichzeitig habe. Es gelingt mir und diesen Fakt sollte ich feiern.

Diesen Fakt sollte jeder feiern.

Dass wir nicht stuck at home sind. Sondern safe at home.

Und ich hoffe es so sehr, dass ihr ein sicheres Zuhause schafft für euch und eure Kinder. Dass Emotionen Platz haben, ohne zu zerstören. Dass man verzweifeln kann, ohne zu zerstören – sich oder andere. Dass die Nerven am Ende sein dürfen – und da kleine Fenster sind, Auszeiten. Fünf Minuten Kaffeepause. Drei Seiten eines Buchs. Zwei, drei Episoden auf Netflix abends. Ein Reh, das über den Waldweg springt, während die Kinder daneben hässig maulen. Ein warmer Sonnenstrahl. Ein kurzes Wettrennen mit den Kindern und dem Wind.

Auch das neue Leben hat Gutes.
Wir selber, wir haben viel Gutes.
Manchmal muss man es suchen. Und manchmal ist es dran, all jene Dinge, die einem was anderes sagen wollen, in Schranken zu weisen.

Vergleicht euch nicht mit mir.
Vergleicht eure Kinder nicht mit meinen.
Deren Basteleien nicht mit denen, die überall fotografiert werden.
Eure Kochkünste nicht mit den Menus, die speziell für Social Media fotografiert wurden.
Euren Haushalt nicht mit der einen Ecke meines Hauses, die auf Instagram so schick in Szene gesetzt wurde.

Sucht euch Spiegel, die wohlwollend sind. Die es gut mit euch meinen. Die euch aufbauen, ermutigen, euch bestärken, euch stärken.

Und feiert eure Erfolge. Die grossen, und die kleinen.
Feiert eure Kinder, alles, was sie gut machen.
Schafft euch Inseln. Indem ihr den aktuellen Alltag für euch nutzt. Macht Pancakes zum Frühstück, wenn’s euch glücklich macht. Öffnet eine Ravioli-Büchse zum Zmittag, wenn’s euch hilft.

Lasst das schlechte Gewissen draussen und gestaltet euer Zusammenleben und euer Zuhause so, dass ihr nicht ‘stuck at home’ seid, sondern safe and happy.

 

PS: Jeder, der sich jetzt fragt, wo in dieser Geschichte der Mann ist: Glaubt mir, er ist. Ungefähr in derselben Lage wie ich. Aber hier geht es nur um mich. Und dem, was diese drei Wochen mit meinem Herz machen.

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8 Kommentare zu “Coronik Woche III – Nadines Durchhänger

  1. mega schön geschrieben, so sehe ich es auch.oft nervt mich vieles, weil es gerade einfach dauernd auffällt, weil man ja so viel zuhause ist, andererseits bin ich gerade soooo glücklich aufm Kaff zu sein mit haus und garten und raus zu können , wann wir wollen. das leben ist schön, wenn man es sich schön macht. immer wieder und jeden tag von neuem und vielleicht auch jeden tag anders. und manchmal ist nur der morgen toll oder nur der Abend, aber jeden tag versuchen wir das beste draus zu machen, das zählt.

  2. Du sprichst mir so aus dem Herzen! Merci viel mal für diesen Text, für die Ermutigung mit sich selbst auch milder zu sein und die Zeit, die so sonderbar ist, zu geniessen. Wahrscheinlich werden wir nie wieder so viel Zeit mit unseren Familien verbringen wie jetzt..
    Und alle werden sich an diese Zeit erinnern. Also machen wir es uns doch so schön wie möglich und überhören ganz bewusst die kritischen Stimmen im Kopf, die ständig nörgeln.

  3. Da sprichst du mir voll aus dem tiefsten Herzen. Ich nehme deine Worte gerne als Aufmunterung und Ratschlag in emotionalen Tiefs. Ich nehme mir fest vor, die von dir beschriebenen “kleinen” Auszeiten mehr zu geniessen und im Gegenzug mal meinen Zweijährigen machrn lassen…
    Danke für deine Worte!

  4. Danke Nadine! Dein Durchhänger tat wohl, entlastete meine und macht lustigerweise Mut zum dran bleiben 🙂
    Alles Gute für eure Familien-Zeit

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