Coronik Woche II – Janine: Plötzlich Lehrerin

Wenn man die Anti-Homeschooling-Mum beschreiben müsste, dann könnte man wohl einfach ein Bild von mir platzieren.

Ich liebe meine Kinder von Herzen, das tue ich wirklich. Aber ich liebe auch die Tatsache, dass sie für einige Stunden am Tag dahin dürfen, wo der Schulstoff von einer Fachperson ohne tiefe emotionale Bindung zu ihnen vermittelt wird. Wo sie Dinge annehmen, ohne die Augen zu verdrehen. Wo nicht jede Aufgabe ein Kampf ist. Wo die Klingel die Pause einläutet und die Gspändli nicht gleichzeitig noch die Geschwister sind.

Da bin ich nun. In einem Klassenzimmer, das sehr unserer Stube ähnelt.

Zusammen mit einer Viertklässlerin, einer Zweitklässlerin, einem Erstklässler und einem Wirbelwind, der im normalen Leben den freiwilligen Kindergarten besucht. Und ich. Plötzlich nicht nur in der Rolle der Mama, sondern auch in der der Lehrerin. Der einzigen Lehrerin. Im 100% Pensum. Nebenberuflich.

Als bekannt wurde, dass die Schulen bis nach mindestens den Frühlingsferien geschlossen bleiben, hatte ich einen innerlichen Mini-Zusammenbruch und musste mehr als einmal leer schlucken.

Schon nur der Gedanke an mich und vier Kinder zu Hause machte mir Bibbeli am ganzen Körper.

Zeitgleich wurde mir aber auch bewusst: Die Atmosphäre, die wir zuhause in den nächsten Wochen haben werde, die präge hauptsächlich ich. Denn ich bin jetzt nicht nur Mami und Lehrperson, sondern auch Party-Animator für aussergewöhnliche Situationen.

Ich wusste, ich muss so schnell wie möglich emotional und mental ready werden für das, was kommen wird. Mir das richtige Mindset zulegen. Fokussieren.

Meine eigenen Bedürfnisse darin einerseits zurückstecken, andererseits aber auch kommunizieren. Und mit all dem einen Game-Plan schmieden.

So habe ich entschieden, dass wir diese Zeit als geschenkte Zeit annehmen. Für uns als Familie. Für die Kinder als Geschwister. Denn: diese Zeit wird prägend werden. So oder so. Sie ist etwas Spezielles und wird in die Geschichte eingehen.

Im Bewusstsein, dass es hart wird. Dass es Tage gibt, an denen wir genug haben voneinander. Eine Auszeit und Abstand bräuchten, was wir uns jedoch nicht wirklich nehmen können. Durchbeissen müssen. Aber doch möchte ich, dass wir immer wieder zurück kommen zu dem, was wir uns vorgenommen haben. Gute Momente schaffen.

Zu meinem Game-Plan gehört zum Beispiel, dass wir am Morgen ausschlafen dürfen. Denn hey, wann kann man das sonst? Der Game-Plan beinhaltet auch Kuchen backen, Rezepte raussuchen, Ämtlis erledigen, ausmisten, Briefe schreiben, Filme schauen, Spaziergänge machen, Gespräche führen, dazwischen immer wiedermal etwas Schulisches. Vor allem aber: Gemeinschaft geniessen und leben.

Ich finde, wir dürfen es etwas easy nehmen. Entschleunigen. Schulstart ist deshalb erst um zehn Uhr. Dann müssen aber alle angezogen sein, das Bett gemacht und die Zähne geputzt haben. Das klappt wunderbar. Alle geben sich Mühe, alle wissen: Es braucht jeden einzelnen, damit es funktioniert. Sie helfen einander, nehmen Rücksicht. Mein Sohn, der herzensgute Mensch, saugt sogar das ganze Haus, während ich den Wocheneinkauf erledige, weil er dies als offene Aufgabe auf dem Tagesplan gelesen hat (Heiratsangebote bitte direkt an mich). Und ich platze fast vor Stolz!!!

Dann kam die zweite Woche.

Mit deutlich mehr Aufgaben von der Schule. Die Kinder vermissen ihre Freunde. Haben es satt, nur zu skypen. Möchten wieder in die Schule. Bangen um unsere Sommerferien. Haben zu wenig Bewegung. Möchten ihren Alltag zurück.

Ein Kind meinte, es wolle nicht arbeiten um 10.00 Uhr, denn jetzt sei schliesslich die grosse Pause. Das andere Kind hat sein Wochenziel bereits am zweiten Tag inklusive Extra-Aufgaben fertig gelöst und stirbt jetzt nach eigenen Angaben vor Langeweile. Ein weiteres Kind sitzt seit dreissig Minuten wimmernd vor der Mathe Aufgabe, die ich schon dreimal erklärt habe. Ich WEISS, dass es die Materie checken würde, aber irgendwie nicht will. Oder kann. Weil da andere Dinge sind, die beschäftigen.

Ich müsste jetzt Mami sein und trösten und ermutigen, habe aber nebenan noch ein Kindergartenkind, das alle mit Faxen und Gejammer ablenkt und Puzzleteile im ganzen Haus verteilt. Nach Aufmerksamkeit heischt und mich damit an den Rand der Verzweiflung bringt. Es möchte auch Aufgaben. Ich sollte helfen. Überall. Gleichzeitig. Das Gejammer wird lauter. Meine Nerven liegen blank.

In all dem Chaos schaffe ich es nicht einmal rechtzeitig den Müll für die Müllabfuhr rauszubringen.

Das Mittagessen verschiebt sich eine Stunde nach hinten, weil ich einfach nicht dazu komme, zu kochen. Ich schicke die Kids in eine Spielpause. Obwohl zwei von ihnen sicher noch eine Stunde Arbeit vor sich hätten. Schnalle dabei, dass die grosse Zehn-Uhr-Pause in der Schule wohl eher für die Erholung der Lehrer gedacht ist. Allgemein haben Lehrer bei mir grad Heldenstatus erreicht.

Ich fühle mich als Versager. Als Lehrerin und als Mami. Obwohl wir Zeit haben, uns alle Aktivitäten genommen wurden, kriege ich irgendwie nicht alles unter einen Hut. Merke, dass alle irgendwie zu kurz kommen, obwohl wir miteinander da sind.

Ich muss mich einen Moment zurückziehen und durchschnaufen. Mir sagen, dass es ok ist, wenn Dinge liegen bleiben. Es ok ist, wenn ich nicht allen gerecht werde.

Meine Kinder sehen dürfen, wenn ich an meine Grenzen stosse. Ich ihnen ehrlich sagen darf, dass es auch für mich eine ungewollte und neue Situation ist und ich damit hadere.

Nach einer halben Stunde klopft es an meiner Türe. Die Kids haben sich alle zusammen verkleidet und wollen mir das Resultat zeigen. Die Stimmung ist ausgelassen. Fröhlich. Sie haben es so richtig gut zusammen. Jeder gehört dazu. Der schwierige Vormittag scheint in weiter Ferne.

Der Tag geht weiter. Mit allen Emotionen. Mit Hochs und Tiefs, Freude und Trauer.

«Wenn man zurück schaut erinnert man sich nicht an Tage, sondern an Momente» hat Cesare Pavese mal gesagt.

Ich wünsche mir, dass sich meine Familie dann mal zurück erinnert an schöne und ausgelassene Momente in dieser herausfordernden Zeit. Dass all das Gute überwiegen wird in ihren Herzen. Aber jetzt muss ich zuerst zum 124x heute Memory spielen.

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