Coronik – Familienweihnachten ohne Familie?

Fünfzehn Personen, verteilt auf neun Haushalte. Das ist meine Familie. Die Altersspanne liegt von drei bis einundachtzig Jahren. Alles Klein- und Kleinstfamilien.

Seit Jahren feiern wir deshalb alle zusammen. Wir feiern mit den Verwitweten, Alleinstehenden, mit der Uroma, den Kindern, den Enkeln.

Und jetzt kommt so ein blödes Virus daher und versaut uns alles. Versaut MIR alles.

Macht mir meine Tischdeck-Leidenschaft kaputt, das mit dem ganzen Krimskrams, – Servietten, Kerzen, handgeschriebene Tischkärtchen.

Nun ist alles anders. So, wie es noch nie war.

Müssen also diejenigen, die in unserer Familie sonst schon ständig allein sind, weil sie ledig, geschieden oder verwitwet sind, dieses Jahr an Weihnachten zusätzlich alleine bleiben?

Das geht gar nicht!

Mein sozialer Kampfgeist ist erwacht, ein Kriegsplan hat sich in meinem Kopf breitgemacht und ist die letzten Tage vor meinem inneren Auge entstanden. Man nenne es aber besser Projekt.

Also habe ich gleich eine Einladung geschrieben, online einen 6-Liter Thermobehälter für heisse Würstchen oder Suppe bestellt und einen Einkaufszettel geschrieben:

4 Finnenkerzen
1 Leuchtstern
3 Bambusfackeln

Dann fragte ich die Kinder nach ihrer Meinung,

Sohn trat auf die Bremse. Die Idee sei zwar cool, aber er meinte, ich solle erst mal die Seite vom BAG checken. Nur schon, damit ich etwas in der Hand hätte, falls mir ein argwöhnischer Mitbürger die Polizei auf den Hals hetzen wolle.

Der Rat meines Sohnes klang, wie wenn ich einen Raubüberfall planen wollte.

Dabei will ich nur eins: Dass keiner einsam und allein Heilig Abend daheim verbringen muss.

Wir könnten doch im Garten feiern? Mit genügend Abstand, einer heissen Suppe oder einem mickrigen Würstchen. Ohne Schnickschnack, ohne liebevoll gemalte Tischkarten. Hingegen dick eingemummt, mit Lametta an den Masken, mit Licht und Feuer und Weihnachtssongs aus irgend einem Gerät, und wenn es aus dem Autoradio vom kleinen Fiat meines Mannes ist.

Ich stelle mir Weihnachten draussen trotz Distanzhalten schön vor.

Jemand liest die Weihnachtsgeschichte. Ein leichter Wind, der die Zweige des Apfelbaumes bewegt, zarte Flocken, die sachte fallen und alles in Weiss hüllen. Und mittendrin auf dem Schoss ihrer Eltern meine niedlichen Enkel, die mit roten Wangen verzückt in die Flammen gucken…

Denn die ganze Schweiz an Weihnachten im Wald, das bringt es nicht. Das macht ihn kaputt.

Um sicher zu sein, was man darf oder eben nicht, habe ich dem BAG eine Mail geschrieben. Die Antwort folgte rasch:

«Auch draussen darf eine Familie mit nur maximal zehn Personen feiern.» Mir fällt ein, dass eine Freundin neun Kinder hat. Und die haben auch schon wieder Kinder. Ob die jetzt neun Mal oder noch öfters feiern werden?

Es spielt leider keine Rolle, dass mein Garten über sechshundert Quadratmeter gross ist, denn nehmen alle fünfzehn Leute teil, gilt das als Veranstaltung. Aber, so schrieb man mir, man erteile keine Sonderbewilligungen.

Unsere Familienweihnachtsfeier mit 15 Leuten – wäre also neuerdings offiziell eine Veranstaltung…

Dann fällt mir ein, dass ich mir die ganzen weiteren Überlegungen sparen kann. Ich darf ja gar nicht mit fünfzehn Leuten privat feiern, egal ob drinnen oder draussen, es ist ja keine Gemeindeversammlung oder so.

Wer also muss nun zuhause bleiben? Wen laden wir ein? Und gehen wir trotzdem in den Garten? Wegen denjenigen, die Schiss haben?

Wollen wir wirklich so feiern? Oder lassen wir dieses Jahr das Fest ganz ausfallen?

Noch weiss ich es nicht. Die Einladung schlummert auf meinem Rechner so vor sich hin. Es gibt ja die, denen es egal ist, dass Weihnachten dieses Jahr anders sein wird, die keine Familienfeiern mögen und ganz froh sind, wenn alles abgesagt ist. Doch plötzlich gibt es solche, die nun mosern, weil sie das worüber sie immer gemosert haben, dieses Jahr vielleicht nicht haben werden – nämlich das familiäre Zusammensein.

Es ist das alte Lied – erst wenn man etwas nicht mehr hat, weiss man, was man gehabt hat.

Ich hänge an Traditionen. Dennoch bin ich keine Nullachtfünfzehn-Mutter, sondern eine mit familiärem Abenteuergeist, die immer für Dinge zu haben ist, die man auch mal neu erfinden muss.

Die Finnenkerzen und Bambusfackeln sind gekauft. Der bestellte Thermosbehälter ist bereits mit der Post gekommen, die Rechnung ist beglichen. Der Leuchtstern hängt im Apfelbaum.

Während ich weiter grüble und immer noch keinen eingeladen habe, kommt der Vater meiner Kinder herein.

Er, der mir vor 36 Jahren geschworen hat, auch schlechte Tage mit mir durchzustehen, zerstört meinen Traum vom romantischen Weihnachtsfest im Garten.

«Wer will denn wegen einer Stunde draussen in der Kälte hocken? Und der ganze Aufwand! Was ist, wenn es schneit, regnet, einen Sturm gibt? Da muss man ja tagelang den Wetterbericht im Auge behalten. Ich habe keinen Bock. Wir feiern besser mehrmals hintereinander!»

Ich sehe meine märchenhafte Weihnachtsfest-Idee entfleuchen und fühle eine immense Welle Frust.

Jetzt bin ich diejenige, die «Ohne mich!» schreit. Nein, drei oder vier Mal das Fest ausrichten, dazu bin ich nun zu alt, das schaffe ich kräftemässig schlicht nicht mehr. Denn in 36 Monaten gehe ich in Rente, das möchte ich eigentlich noch erleben.

Ich bin diejenige, die nun tobt.

Ich überlege, dass das Virus genau so gut reihum gehen kann, wenn man mehrmals und nacheinander mit den Angehörigen immer nur aus zwei Haushalten feiert. Ausser – Corona macht Weihnachtsferien.

Sollen wir das Fest ganz ausfallen lassen? Einfach nur gemütlich vor dem Fernseher fläzen?

Dann aber denke ich an die Enkel und weiss: Weihnachten ohne leuchtende Kinderaugen?

Noch habe ich keine Ahnung, wie dieser Weihnachtskrimi ausgehen wird.

Aber – ich halte euch auf dem Laufenden.

 

 

Bild: Paul Unsplash

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Ein Kommentar zu “Coronik – Familienweihnachten ohne Familie?

  1. Danke für die Sicht der Oma! Das habe ich bisher nicht ganz nachvollziehen können und habe mir gedacht: „Sei doch nicht so emotional Mam“. Aber jetzt, wo ich dss lese, verstehe ich es besser (mit Tränen in den Augen notabene :-)). Danke!

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