Bisschen zu viel

Jetzt grad, in diesem Moment, bin ich nicht dankbar.
Ich bin auch nicht fröhlich.
Ich bin nur wütend.
Wütend auf mich.
Wütend auf meinen Mann.
Wütend auf meine Kinder.

Dieses ganze Familienzeug ist mir akut über den Kopf gewachsen und ich stehe einmal mehr vor der Frage:

Mache ich es richtig oder liege ich total falsch?

Ich kenne diese Situation.
Sie kommt nicht zum ersten Mal.

«Das ist ein Wendepunkt», liess mein Mann, auf meiner Welle mitreitend, verlauten.

Doch: Ist es das wirklich? Ich war schon mal da. Schon einige Male. Und jetzt stehe ich wieder da. Ich gehe im Kreis.

Habe auch nicht das Gefühl, dass dieser Kreis sich womöglich wie eine Spirale verhält und trotz Kreisbewegung eine Aufwärtsbewegung stattfinden würde.

Ich stehe am selben Punkt.
Und dieser Punkt ist irgendwo nahe der Resignation angesiedelt.
Es ist der Punkt, der kommt, wenn ich zu lange zu viel für andere und zu wenig für mich gemacht habe.
Es ist der Punkt, der kommt, wenn ich mich ausgenutzt und ungehört fühle.
Es ist der Punkt, der kommt, wenn meine Grenzen trotz anständiger, klarer Kommunikation nicht gehört und nicht geachtet werden.

Es ist der Einjährige, der todmüde, grinsend aus seinem Bett klettern möchte.
Es ist der Siebenjährige, der mir eine Woche lang in den Ohren liegt, wie eintönig sein Leben hier ist.
Es ist die Sechsjährige, welche ihre Kleidung im ganzen Haus verteilt und dann brüllt, wenn sie keine adäquate mehr im Schrank hat.
Es ist der Dreijährige, welcher rumrennt so lange, bis er geheissen wird, Dinge wegzuräumen. Sich dann am Boden wälzt, brüllt und unmöglich mehr fortbewegen kann.
Es ist der Mittagstisch, der mit gruusig kommentiert wird.
Es ist die ungespülte Toilette.
Es sind die Schuhe, die den Boden im Eingang bedecken trotz Schuhschrank in Schnürsenkelweite.
Es ist die Wasserlache der Wasserpistole, in die ich trete.
Es sind die Zahnpastaflecken am gesamten Badezimmermöbel.
Es sind die Socken in der ganzen Wohnung.
Die zerfledderten Magazine, die mir gehörten.
Es ist die ständige Unzufriedenheit mit meiner Leistung.
Die ständige Unzufriedenheit mit dem Leben.
Die ständige Rumheulerei.

Mir platzt der Kopf, nicht der Kragen. Mir platzt der ganze Brustkorb, denn dort drin hat sich der Frust tropfenweise angesammelt. Täglich, stündlich.

Diesen Frust habe ich entleert. Ich habe ihn über unsere Familie ausgeschüttet wie das Unwetter heute Nachmittag. Heftig.
Sturmböen haben das Donnergrollen begeleitet und wäre ich ein griechischer Gott, hätten Blitze aus meinen Fingern geschossen.

Doch bereits mein bescheidenes menschliches Auftreten hat gereicht.
Ein «Stopp für alles»,
ein «Stopp an alle».
Stille.

Ich reisse mir hier täglich den Arsch auf dafür, dass diese Familie funktioniert.
Dass es den Kindern gut geht und sich hier wohnen lässt.
Ich ertrage Gebrüll, Gekreisch, Gemotz, Gezank und Geweine.
Stoisch.
Empathisch.
Stets darauf bedacht, das Beste für meine Kinder, für uns alle rauszuholen.
Ich reflektiere. Ich analysiere. Ich adjustiere.

Umso frustrierender ist es, bin ich da, wo ich jetzt stehe.
Aufgewühlt. Kaum in der Lage zur Empathie. Nur darauf bedacht, nicht gänzlich auszuticken.

Das ist nicht schön.
Nichts an diesem Zustand ist schön.
Ich finde mich hässlich, wie ich mich stehen sehe. Ausser mir.
Ausserstand, ruhig zu bleiben.

Es ist die Welle, die bricht.
Einmal mehr.
Am Anschlag.
Wuchtig.
Aus dem Gleichgewicht geraten.
Wühlt Sand auf und Dreck.
Flacht ab.
Ebbt aus.

«Mama, geh’ schlafen», das Kind.

Vielleicht hat es recht.
Und Schlaf würde helfen.
Soll doch besser das Kind schlafen.
Das würde garantiert helfen.
Der Einjährige ist noch wach, in einen alten Kinderschlafsack seiner Vorgänger gesteckt, damit er sein Bein nicht mehr übers Bettchengitter schwingen kann.
Findet das ganz schlimm. Tut das offen kund.

Ich liebe meine Kinder.
Ich liebe Muttersein.
Ich bin erfüllt.
Aber ich bin auch müde.
Und heute, heute bin ich besonders müde.
Ich weine kaum, was ich sonst immer tue.
Ich zittere.
Noch immer hängen Schwaden von Ärger in der Luft.
Dick. Schwer.

Das wird heute nichts mehr.
Vielleicht morgen.
Irgendwo da draussen, im weiten Meer, bildet sich eine neue Welle.
Die rollt.
Gleichmässig.
Unbeirrt.
In Bewegung und doch ruhig.
Auch sie wird auf das Ufer treffen.
Auch sie wird brechen.
Aber bis dahin wird sie tragen.
Ruhig, bedacht.
Weit.

 

Die Nacht kommt und mit ihr der Morgen.
Wie der Strand, ist auch der Morgen frisch gewaschen.
Hie und da noch Spuren vom Unwetter.
Doch das Meer ist spiegelglatt.
Die Luft klar.

Das geht so nicht. Erkläre ich.

Es geht nicht darum, dass ich bestimmen möchte.
Dass ich ums Verrecken die Oberhand haben muss.
Das Gefühl, meine Kinder ‘im Griff’ zu haben.
Auch wenn ich das gerne hätte.

Mir geht es darum, dass wir hier zusammen unterwegs sind.
Die Kinder und ich.
Da ist ein WIR, ein Miteinander.

Ich kann diesen Job nicht ohne sie machen.
Ich bin nicht perfekt. Ich bin nicht 24/7.
Ich bin Mutter.

Und als solche gebe ich mein Bestes für sie.
Damit das gelingt, brauche ich das Beste von ihnen.
Wenigstens aber Mithilfe. Mitgefühl. Akzeptanz.

Alles Dinge, die ich in den letzten Tagen und Wochen vermehrt vermisst habe.
Vielleicht nicht einmal, weil die Kinder sie nicht geben konnten oder wollten.
Sondern weil ich schlicht mit so viel Mentalload unterwegs war, dass mir das Alltagsgeschäft aus den Händen geglitten und in ihren Händen hängen geblieben ist. Wo sie daran zerrten und zogen und letztlich ihre Überforderung an mir ausgelassen haben.

Ich bin froh, ist das Unwetter durch.
Die drückende Stimmung, die Gewittern vorausgeht, sie ist weg.
Alles fühlt sich leichter an. Klarer.
Ich weiss wieder, was ich will. Und was nicht.
Ich kann meine Grenzen wieder klar kommunizieren, weil ich sie klar sehe.
Ich kann sie liebevoll kommunizieren, weil der Frust bis auf den letzten Tropfen ausgeleert ist.
Ich habe Platz.
Raum für mich.
Raum für uns.
Raum, sanft aber bestimmt Grenzen zu setzen, Richtung vorzugeben, alle und alles miteinander zu büscheln.

Obwohl da ein Restschmerz bleibt über meinen Auftritt.
Bleibt auch etwas Nachsicht.
Etwas Mitgefühl.
Und die Hoffnung darauf, dass es letzten Endes doch kein Kreis, sondern eine Spirale ist.

Bild: Annie Spratt Unsplash

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9 Kommentare zu “Bisschen zu viel

  1. Wow….
    Super Text und letzte Woche hätte der gepasst wie Arsch auf Eimer. Ich fühle mit dir. Wenn es einfach nicht mehr geht. Wenn jeder nur für sich schaut und du denkst, wo bleibe ich.

    Danke für die ehrlichen Worte, so fühlt man sich nur halb so schlecht wenn selber die Gewitterfront aufzieht…

  2. Danke für diesen tollen Text! Grad jetzt tut es sooo gut,das zu lesen..
    auch hier ziehen ab und an Gewitter durchs Haus…

  3. Den Text fühle ich so mit. Letzte Woche habe ich die Nerven verloren. Und auch nachdem sich alles wieder beruhigt hat, bleibt wie immer die grosse Frage. Warum muss es immer erst so weit kommen?

  4. Botz Donner ist das ein Text!!
    Fühl dich gedrückt, gefeiert, lebe hoch, du tolle Mama!!! Und Merci viu mau fürs Teilen💜
    Ich fühle so mit dir, auch hier ist ein heftiges Unwetter im Anmarsch.. Ich spüre die Welle anrollen, sie bricht schon fast…. Es bleibt die Hoffnung, dass ich mich durch meine kürzliche Erkenntnis(Slow down Mama!!) noch rechtzeitig ans neue Ufer retten kann und nochmal mit “erä Schnurä vou Wasser” davon komme….

  5. …samesame here…
    Danke für den Text… für den Spiegelblick… für das Erkennen in Deinen Worten… die Alltagsmomente, die plötzlich zuviel sind…die Wellen, die sich überschlagen… das Alltagschaos, welches weder herzig noch bunt ist… sondern in dem Moment nur noch nervt und einen als Versager bitz dastehen lässt, obschon man nicht so fühlen möchte… ay ay… Deine Texte berühren…& sind das Leben… danke!

  6. Dieser Text ist wirklich der Hammer. So gut beschrieben, was geschieht, wie es abläuft und wie man sich dabei fühlt! Danke!

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