Aline – Wie ist es eigentlich, in eine Paartherapie zu gehen?

Aline ist nicht ihr richtiger Name. Denn dass sie als Paar eine Paartherapie gemacht haben, wollen Aline und ihr Lebenspartner nicht mit ihrem engen Umfeld teilen. Hingegen wie es dazu kam, dass die beiden überhaupt an so was wie Paartherapie dachten und was das mit ihnen gemacht hat: Das sollen so viele Paare wie möglich wissen und davon handelt dieser Text.

Wenn ich den Ausgangspunkt nennen müsste, der unsere Beziehungsprobleme auslöste, dann war es der, dass ich nach der Geburt des Kindes weniger Wertschätzung von meinem Partner erfuhr – zumindest fühlte es sich für mich so an. Wir hatten kaum mehr Zeit, in Ruhe miteinander zu reden, uns wirklich in die Augen zu schauen. Unsere Aufmerksamkeit wurde ständig von unserem Kind unterbrochen.

Und dann war da noch diese kleine Portion Neid auf ihn.

Dass er so leicht weggehen konnte und ich nicht. Wenn es ihm zu viel wurde, ging er raus, machte Sport, traf Freunde, war im Ausgang. Und ich? Stillte daheim unseren Sohn.

Ich war einfach immer am kürzeren Hebel. Das war ich mir überhaupt nicht gewohnt und ich fand es so gar nicht cool. Vor dem Kind erlebte ich mich stets als autonom und selbstständig. Dieser neue Umstand war ein ziemlicher Schock, der sich auch auf uns als Paar auswirkte. Plötzlich fehlten mir die Räume, die ich mir früher so selbstverständlich hatte nehmen können, um wieder ins Gleichgewicht zu kommen.

Vier Jahre hatten wir eine spannende und abwechslungsreiche Beziehung. Waren viel unterwegs, trafen Freunde, reisten um die Welt. Jeder hatte seine individuellen Lebensbereiche, in denen er sich verwirklichen konnte. Uns ging es gut als Paar und das, was nicht einwandfrei funktionierte, konnten wir problemlos kompensieren. Entweder, indem wir uns intensiv und bewusst Zeit füreinander nahmen, oder indem wir einander auswichen, wenn es zu viel wurde.

Wir waren gleichberechtigt auf allen Ebenen, happy und bereit, eine Familie zu gründen.

Dann wurde ich schwanger. Wir hatten uns für dieses Kind entschieden und erwarteten es voller Freude. Mit der Geburt des ersten Kindes veränderte sich das System, indem wir vom Paar zur Familie wurden. Plötzlich stand dieses kleine Menschlein im Mittelpunkt unserer Beziehung, alles drehte sich darum. Alles war neu, spannend, aufregend – und beängstigend. Und wir waren soooo müde.

Ich wurde immer angriffiger ihm gegenüber. Beklagte mich, war unzufrieden, fühlte mich nicht gesehen. Von ihm kam? Nichts.

Keine Resonanz.

Ich versuchte es mit mehr Präzision. Deutliche Inhalte, deutliche Sprache. Ich schraubte an der Lautstärke. Doch egal, wie prägnant oder wie laut ich war. Er blieb still. Zog sich immer mehr zurück.

Ich fühlte mich schrecklich. Gleichzeitig am Ende mit meinen Mitteln. Unmöglich, an ihn heran zu kommen. Unmöglich, von meinem Partner das zu kriegen, was ich in diesem Moment gebraucht hätte.

Irgendwann drohte ich ihm damit, dass ich ihn verlassen würde.

Er wurde stiller, einsilbiger und versteinerte regelrecht, vermutlich vor Schreck.

Ich fand mich selber total schlimm. Denn ich wollte mich ja überhaupt nicht trennen. Sondern wusste einfach nicht, wie ich seine Aufmerksamkeit noch hätte erreichen können.

Das verletzte ihn enorm. Was dazu führte, dass ich mich noch schlechter fühlte. Ich war verzweifelt und hilflos. Total ohnmächtig. Ich wollte einfach gehört und verstanden werden. Aber es klappte nicht und nichts.

Hier sitze ich nun und schreibe einen Text darüber, dass mein Freund und ich zu einer Paartherapeutin gegangen sind. Und weiter schreibe ich, dass es etwas vom Besten war, was wir machen konnten.

Mein Mann erklärte sich dazu bereit, an einem Tageskurs für Paare teilzunehmen. Es ging um unsere Beziehung. Doch ich glaube, er hat es mir zuliebe getan.
Titel: «Von Paar zu Paar»
Ziel: Kommunikationsmuster in der Paarbeziehung zu beleuchten, Strategien aufzuzeigen, wie destruktive Muster durchbrochen werden und wieder mehr positive Emotionen und Wertschätzung in die Beziehung gebracht werden können.

Das hörte sich fantastisch an.

Ich ging mit grossen Erwartungen an diesen Workshop.

Da sassen wir. Mein Mann und ich. In einer Praxis in der Zentralschweiz mit sechs anderen Paaren. Und einem siebten, welches den Workshop leitete. Mein Mann – eher mitgeschleppt als motiviert – hat sich unter anderem nur deswegen zu diesem Workshop bereit erklärt, weil ein Paar diesen leitete.

Entgegen unseren Befürchtungen war die Stimmung locker. Keine abgehobenen, alltagsfremde Inhalte oder Belehrungen. Sich einen ganzen Tag lang mit der eigenen Beziehung beschäftigen. Wann macht man das sonst noch, ausser wenn man frisch verliebt ist? Wir fühlten uns von Stunde zu Stunde verbundener und hatten grosse Aha-Momente.

Der schönste Moment des Tages war für mich die Schlussübung. Wir sollten erzählen, was wir aneinander besonders schätzen und wofür wir dankbar waren. Ich dachte mir schon (hallo Muster) «Jetzt werde ich wohl eine Viertelstunde lang reden und er hört zu. Wie immer.» – aber es kam ganz anders. Noch jetzt kriege ich Gänsehaut, wenn ich daran denke.

Mein Mann, der stumme Fisch von zuhause, redete wie ein Wasserfall.

Über seine schönen Erinnerungen mit mir, was er schätzt und an mir mag. Worauf er sich freut. Und ich dachte: «Er sieht es ja alles doch!» Vielleicht kann er es manchmal einfach nicht so gut zeigen oder zieht sich zurück, weil ich so giftig bin. Ihm zuzuhören berührte mich sehr.

Umgekehrt war es für meinen Mann erleichternd zu hören, dass unsere Probleme sehr normal sind. Dass ein Streit auch nicht bedeutet, dass die Beziehung bachab geht. Ihm hat es geholfen, Abstand zu unseren Themen zu nehmen. Und zu verstehen, dass Missverständnisse oder Ärger nicht gleich bedeuten, dass mit der Beziehung etwas nicht stimmt.

Nach dem Workshop erlebten wir ein echtes Hoch.

Wir waren viel offener für einander, hörten mehr zu, interpretierten unsere Worte und Handlungen wohlwollender und hatten Strategien, die wir anwenden konnten, sollten Situationen oder Gespräche nicht laufen wie gewünscht. Die grösste Errungenschaft war, dass unser Verständnis füreinander und die Kompromissbereitschaft gestiegen sind.

Uns war klar: Wenn wir unsere Beziehung gesund halten wollen, müssen wir dran bleiben.

Eine konkrete Methode, die wir aus dem Workshop in den Alltag mitgenommen haben: Wir verabreden uns zum regelmässigen «Wetterbericht», einer festgelegten Zeit, bei der wir uns berichten, wie es uns emotional geht und was uns beschäftigt.

Das klappte nicht immer gleich gut. Mir fällt es leichter, mich zu öffnen. Mein Mann war nicht so wahnsinnig scharf drauf, zu festgelegten Zeiten über seine Gefühle reden zu müssen. Gleichzeitig fand er diese Übung sinnvoll, weshalb er mitmachte.

Es ist erstaunlich, wie viel man erfährt, wenn man sich Zeit füreinander nimmt.

Mir fiel auf, dass ich seit dem Workshop meinen Tonfall besonnener wählte. Mir war nämlich sehr bewusst, wie abwertend oder schulmeisterlich meine Stimme manchmal klingt, obwohl ich das gar nicht will. Und klar, darauf reagierte mein Mann auch entsprechend.

Eine der wichtigsten Erkenntnisse war, dass wir viele Dinge tun, weil wir eigentlich unsere Beziehung schützen möchten und Angst haben, dass die Bindung verloren geht.

Anstatt das aber zu sagen oder liebevoll und wohlwollend zu sein, werden wir laut, abwertend oder ziehen uns zurück und bewirken so das Gegenteil von dem, was wir eigentlich beabsichtigen oder brauchen. Das versuche ich mir häufig ins Gedächtnis zu rufen.

Der Workshop ist nun über ein Jahr her. Mittlerweile haben wir ein zweites Kind.

Das Stresslevel hat sich erhöht und die alten Muster drohen immer wieder durchzubrechen.

Vieles ist uns noch im Kopf, was wir an diesem Tag gelernt haben. Aber seien wir ehrlich: Es rückt so schnell in den Hintergrund, wenn zwei kleine Kinder im Alltag für Chaos sorgen. Während ich diese Zeilen schreibe, denke ich mir, ich sollte uns wieder zu einem «Jahres-Service» anmelden – das Auto bringt man schliesslich auch regelmässig zum Check. Schaden kann’s nicht.

 

 

Dieser Beitrag ist Teil einer Serie über «Beziehung als Eltern leben»
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Bild: Joshua Ness Unsplash

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