120 Zentimeter

Diesen Text haben wir am 24. Mai 2022 auf Instagram publiziert.

«Mama! Ich kann stehen», ruft das Kind, auf Zehenspitzen hüpfend, die Wasseroberfläche Millimeter unter der Nase befindlich. Vor einem Jahr noch wäre es hier ohne Schwimmflügel kläglich ertrunken.

Wir sind ein Jahr älter. Ein Jahr grösser. Zwei Kisten mit der Aufschrift 92/98 weniger. Ein Budgetposten Windeln gestrichen. Wo früher drei T-Shirts auf eine Trockenlänge des Wäscheständers passten, haben heute noch zwei Platz.

Aber diese 120 Zentimeter, sie wären so unbedeutend. Wären da nicht die Jahre zuvor. In denen wir klein waren. In denen mein Leben ungewohnt fremdbestimmt war.

Dieser elende Mittagsschlaf, der den Tag in zwei Teile teilte. Der Kinderwagen, der das Auto füllte. Sieben Löffel Schoppenpulver in der Dose. Eine Wickeltasche, Gott, ich hatte mal eine. Heute finden sich gelegentlich Maiswaffelrückstände in meiner Handtasche.

Wir waren mal klein. Und in dieser Zeit habe ich so viel gelernt. Darüber, was wirklich wichtig ist, was mir wirklich wichtig ist. Das Grundlegendste überhaupt, nämlich, dass alles seine Zeit hat. Deren Wert nicht dadurch bestimmt ist, wie produktiv sie mir scheint.

Vielmehr musste ich Zeit Zeit sein lassen. Einfach sein.

Was habe ich gewartet, Stunden! Abends, wenn es draussen am Schönsten war und alle mit eisgekühlten Cocktails den Sommer feierten, wartete ich im Kinderzimmer darauf, dass das Kind einschläft. Nachts, wenn sie über ihren Cocktailgläsern in den Schlaf gesunken waren, schob ich den Kinderwagen über die holperigsten Stellen der Strasse. Mich fragend, ob diese Unwirklichkeit nicht mehr Traum als Realität wäre.

Wir haben eine Zeitreise hinter uns. Sie hat mich oft müde gemacht. Mehr als das aber wurde ich beschenkt. Habe Ruhe gefunden, weil ich lernen musste, ruhig zu bleiben. Zu sein, wo ich gerade bin. Ob ich das wollte oder nicht. Weil ich musste, wollte ich. Weil ich sie liebe, wollte ich.

Ich bin so dankbar, dass ICH das sein durfte. Dass ich DA sein durfte. Dass ich sein darf. Sie nach wie vor lieben darf.

Mit dieser Fülle gemeinsamer Zeit, die unsere Herzen verbindet in einer Tiefe, die weit über 1.20 hinausgeht, wohin keine Zehenspitzen je reichen werden. Die aber Grund ist für alles. Am meisten für das Glück.

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